Artikel: Kinderbuchmacher im Interview: Patrick Wirbeleit
 

Patrick Wirbeleit über Kindercomics

Kinderbuchmacher im Interview

Welche Pluspunkte haben Comics gegenüber Kinderbüchern? Wir haben einen Comiczeichner und -autor dazu interviewt!

Leseliebe: Herr Wirbeleit, ursprünglich haben Sie mal Einzelhandelskaufmann gelernt. Heute arbeiten Sie komplett kreativ, schreiben und illustrieren Kinderbücher und machen insbesondere auch Comics für Kinder. Wie kam es zu diesem krassen Berufswechsel?

Patrick Wirbeleit: Zwischen dem Ende meiner Lehre im Einzelhandel und dem Punkt ab dem ich ausschließlich kreativ arbeite, liegen viele Jahre. Im Grunde kann man sagen, dass es immer mein Wunsch war, kreativ zu arbeiten. Die Stationen und Kompromisse auf dem Weg dorthin möchte ich aber dennoch nicht missen. Sie gaben mir den Erfahrungsschatz, aus dem ich heute mit beiden Händen für meine Arbeit schöpfe.

Leseliebe: Was macht ein gutes Kinderbuch oder auch einen guten Comic für Sie aus?

Patrick Wirbeleit: Mir ist am wichtigsten, dass das Kind Spaß beim Lesen hat.

Leseliebe: Was sagen Sie den Leuten, die Comics für triviale Schundliteratur halten?

Patrick Wirbeleit: Dass sie das Medium mit dem Inhalt verwechseln. Triviales und Schund gibt es in jeder Form kultureller Äußerung. Beim Film, in der Musik, im Theater im musealen Raum und eben auch in der Literatur.

Brücke der toten Hunde Innenseite Comic

Leseliebe: Wenn Sie konkret Comics und Kinderbücher vergleichen: Welche großen Pluspunkte haben Ihrer Meinung nach Bildergeschichten für Kinder?

Patrick Wirbeleit: Die Besonderheit des Comics gegenüber einem „klassischen“ Kinderbuch ist die Verbindung der Text- und Bildebene. So kann man einen Großteil der Erzählung in die Bildebene legen und die Textmenge auf die Sprechblasen reduzieren. Dies ermöglicht Leseanfängern einen leichteren Zugang zum Medium Buch. Und dem Kind damit dem Spaß am Lesen! Gleichzeitig bleibt die Lektüre auch für fortgeschrittene Leser spannend, da trotz des vergleichsweise geringen Textanteils komplexe Geschichten erzählt werden. Und wenn ein lesestarkes Kind schnell mit der Lektüre durch ist, wird es sich erfahrungsgemäß nochmals mit den Bildern beschäftigen (das leseschwache Kind übrigens auch).

Leseliebe: Sie sind selbst Vater von zwei Kindern. Wie sieht es bei denen mit der Leselust aus? Haben Sie persönlich damit Erfahrungen gemacht, dass Comics Kinder fürs Lesen oder das Medium Buch begeistern können?

Patrick Wirbeleit: Mein erstes AHA! Erlebnis zu dem Thema hatte ich zu der Zeit, als meine Tochter in die erste Klasse und mein Sohn noch in den Kindergarten ging.

Um die Mittagszeit kamen beide oft gleichzeitig nach Hause. Während ich dann in der Küche das Mittagessen zubereitete, stritten sich die Geschwister mit großer Regelmäßigkeit im Wohnzimmer. Eines Tages, ich war gerade dabei etwas in der Pfanne anzubraten, wurde ich einer unheimlichen Stille gewahr.

Was viele Eltern sicher bestätigen können: Stille bedeutet in der Regel nichts Gutes. Ich ließ also den Bratenwender fallen und stürzte eilig ins Wohnzimmer. Ich weiß ehrlich gesagt nicht genau, was ich dort vorzufinden erwartet habe. Was ich tatsächlich vorfand, waren meine Kinder, einhellig nebeneinander auf dem Sofa sitzend, mit ihren kleinen Nasen jeweils in einem Asterix Comic. Sie hatten offenbar im Regal die Sammlung meiner Frau entdeckt und sich jeweils einen Band heraus gezogen.

Ab jenem Tag kehrte Frieden ein im Hause Wirbeleit. Na ja. Jedenfalls solange ich meine Kinder mit neuen Comics versorgen konnte.

Brücke der toten Hunde Innenseite

Leseliebe: Wie gehen Sie vor, wenn Sie sich einen neuen Comic ausdenken? Haben Sie zuerst die Geschichte im Kopf oder denken Sie eher in Bildern? Wie war es zum Beispiel bei dem Comic „Die Brücke der toten Hunde“, den Sie zusammen mit Ulf K. produziert haben?

Patrick Wirbeleit: Oft habe ich einen Dialog im Kopf. Sobald ich diesen dann aufschreibe, kann ich durch die Art wie sich die Personen miteinander unterhalten, bereits den Charakter der Figuren ableiten. Was die „Wer sind die beiden?“ Frage beantwortet. Anschließend frage ich mich: „Wo befinden sich die beiden während der Unterhaltung?“ Oder: „Was passiert wohl mit ihnen, nachdem sie die Unterhaltung beendet haben?“ Natürlich kommen die Ideen manchmal auch anders zu mir. Bei Alan C Wilder Ltd. war es ein Zeitungsartikel in der London Times. Dort wurde über das unerklärliche Phänomen von in den Tod springenden Hunden berichtet. Ich fand das spannend und bewahrte mir den Artikel auf. Später fand ich heraus, dass man online im Archiv der Times forschen kann. Und ich war fasziniert, was es dort alles zum Thema Geister zu lesen gab. Jahre später sprach ich mit meinem Freund und Lektor Michael Groenewald darüber, dass ich gerne mal einen Gruselcomic für Kinder machen würde. Wie der Zufall es wollte, hatte Michael so ziemlich das gleiche Gespräch einen Tag zuvor mit dem Zeichner Ulf K. geführt. Also rief ich Ulf an und danach war es nur noch eine Frage der Zeit, bis aus der Idee ein Comic wurde.

Leseliebe: Haben Sie Tipps für die Comiczeichner der nächsten Generation? Worauf sollten Anfänger bei Ihren ersten Versuchen achten?

Patrick Wirbeleit: Das ist schwer auf ein paar Sätze herunterzubrechen. Unterm Strich würde ich sagen: Keine Angst davor Fehler zu machen. Einfach anfangen. Gerne auch mal bei ZeichnerInnen, die man gut findet, abzeichnen. Das übt!

Brücke der toten Hunde Innenseite Hund

Leseliebe: Sie haben einen magischen Wunsch frei und dürfen drei Kinderbücher (oder natürlich Comics) bestimmen, die jedes Kind auf der Welt in seiner Kindheit liest. Abgesehen von Ihren eigenen, für welche Bücher entscheiden Sie sich?

Patrick Wirbeleit: Das finde ich etwas schwierig zu beantworten, da ich mehr oder weniger nur deutsch- und englischsprachige Kinderbücher kenne und mir nicht anmaßen möchte, den Stempel meines eigenen Kulturkreises den Kindern der Welt aufzustempeln.

Wenn ich mir aber drei Bücher zum Beispiel für meine Enkelkinder aussuchen müsste, würde ich aus egoistischen Gründen keine Comics wählen. Denn auch wenn Kinder Comics lieben, eignen sie sich nicht sonderlich gut zum Vorlesen. Und ich liebe es vorzulesen.

„Räuber Hotzenplotz“ von Otfried Preußler (unkoloriert)

„Eine Woche voller Samstage“ von Paul Maar

„Dr. Brumms verrückte Abenteuer“ von Daniel Napp

Leseliebe: Welches Kinderbuch oder welche Lese-Situation hat in Ihrer eigenen Kindheit einen Eindruck hinterlassen, der bis heute nachwirkt und warum?

Patrick Wirbeleit: Petzi Bücher. Ganz klar. Ich bin in keinem sehr leseaffinen Haushalt aufgewachsen. Aber meine Tante brachte mir immer Petzi Bücher mit. Es war es schön, wenn jemand mir die Texte unter den Bildern vorgelesen hat. Aber im Grunde benötigte ich keinen Erwachsenen um der Geschichte in den Bildern zu folgen. So habe ich schon sehr früh die Erfahrung gemacht, dass ich selbst ein Buch „lesen“ kann. Inhaltlich hat mir besonders gefallen, dass Petzi zwar ein Kind war, sich aber völlig autark mit seinen Freunden in die verrücktesten Abenteuer stürzen konnte.

Leseliebe: Ergänzen Sie doch netterweise den folgenden Satz für uns: Leseliebe ist...

Patrick Wirbeleit: nach dem Lesen von den fiktionalen Charakteren zu träumen.

Comiczeichner & Comicautor

Patrick Wirbeleit

Patrick Wirbeleit illustriert und schreibt Comics und Kinderbücher und gilt als „unermüdlicher Streiter für Comics für Kinder“. Seine Comics wurden bereits mit Preisen ausgezeichnet, zum Beispiel dem Leipziger Lesekompass. Dazu hat er sich auch selbst einen Preis ausgedacht: den Carl-Buch-Preis für die beste Kinderbuch-Cover-Illustration.

Comicautor Patrick Wirbeleit

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