Artikel: Kinderbuchmacher*in Raùl Krauthausen und Adina Hermann im Interview
 
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Raùl Krauthausen und Adina Hermann über Inklusion im Kinderbuch

Zum Start von „Als Ela das All eroberte“ haben wir viele Fragen gestellt. Lies hier die spannenden Antworten!

Leseliebe: Herr Krauthausen, Sie sind bekannt für Ihr soziales Engagement, für das Sie bereits verschiedene Auszeichnungen erhielten, mit dabei das Bundesverdienstkreuz am Bande. Dazu sind Sie in der Medienlandschaft zu Themen wie Behinderung und Inklusion überaus aktiv. Sie, Frau Hermann, sind unter anderem Head of Design im Sozialhelden e. V. und engagieren sich intensiv für eine inklusive Gesellschaft. Wie sind Sie beide dazu noch zu Kinderbuchmachende geworden?

Raúl Krauthausen: Wir wollten als Autor*innen mit Behinderung ein Kinderbuch schreiben, welches wir selbst als behinderte Kinder gerne gelesen hätten. Ohne Mitleid, Leid, heldenhafte Alltagstätigkeiten oder übertriebene Bewunderung.

Adina Hermann: Genau. Der Schlüsselmoment war ein Gespräch über die Tatsache, dass wir beide als Kind Bücher hatten, die uns unangenehm waren. Weil sie das Thema Behinderung in den Fokus stellten und auf mitleidige, ausgrenzende Weise betrachteten. Wir hätten aber ein Buch gewollt, das Behinderung nicht überbetont, sondern ganz natürlich mit erzählt  – während die eigentliche Story eine vollkommen andere ist. Eine, die alle Kinder begeistern kann. Und so entstand die Idee zu Ela.
Dazu muss ich gestehen, dass ich schon immer den heimlichen Traum hatte, ein eigenes (Kinder)-Buch zu schreiben.

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Als Ela das All eroberte Kinderbuch ab 5 Jahren

Leseliebe: Was war für Sie die größte Herausforderung daran, ein Kinderbuch zu schreiben? Was hat Ihnen daran besonders viel Spaß gebracht?

Adina Hermann: Die größte Freude war es, das innere Kind freizulassen. Ideen zu spinnen. Herausfordernd fand ich es, den Abschluss zu finden. Wir haben am Ende sogar viele Ideen zurückgestellt, damit die Story nicht zu sehr ausfranst und übersichtlich bleibt. Vielleicht kann Ela all diese Dinge ja in einer weiteren Geschichte erleben …

Raúl Krauthausen: Das stimmt, die Ideen sprudelten nur so aus uns heraus. Die größte Herausforderung war es, einen roten Faden zu halten und nicht abzuschweifen. Ein Kinderbuch muss schließlich spannend sein und darf auch nicht zu pädagogisch sein.

Adina Hermann: Ja, wie meine Design-Dozent*innen immer gerne sagten: „Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler!”

Leseliebe: Was macht für Sie ein gutes Kinderbuch aus?

Raúl Krauthausen: Es muss spannend sein.

Adina Hermann: Es muss ansprechend gestaltet sein.
Und: Es muss einen während des Lesens mitnehmen und im Idealfall nach dem Lesen etwas hinterlassen – eine Erinnerung, ein Gefühl, eine Erkenntnis oder ein neues Lieblingstier.

Leseliebe: Die Heldin in Ihrem gemeinsamen Kinderbuch „Als Ela das Weltall eroberte“ nutzt einen Rollstuhl. Inwiefern spielt Elas Behinderung eine Rolle in und für die Geschichte?

Adina Hermann: Ela stößt in Bezug auf ihren Traum vom „Astronautin sein” aus zwei Gründen auf Widerstand: Erstens, weil sie ein Mädchen ist. Und zweitens, weil sie einen Rollstuhl nutzt. Dabei ist der Ursprung dieser Zweifel oft Sorge, Angst oder fehlendes Vorstellungsvermögen. Während wir das Buch schrieben, hat Insa Thiele-Eich uns ein fantastisches Interview gegeben und verraten, dass auch sie früher nicht ins All hätte fliegen können, wegen fünf Zentimeter fehlender Körpergröße. Das macht deutlich, wie veränderbar Regeln und Umstände sind. Wir dürfen uns Träume nicht durch vermeintliche Hürden nehmen lassen!

Raúl Krauthausen: In „Als Ela das All eroberte“ ist Elas Rollstuhl einfach ihr Fortbewegungsmittel. Elas Behinderung ist zwar ein integraler Bestandteil ihrer Person, beeinflusst jedoch nicht ihre Fähigkeit, Träume zu haben und Großes zu erreichen. Durch Ela möchten wir zeigen, dass Hürden überwindbar sein können und jeder Mensch, unabhängig von seinen Voraussetzungen, das Potenzial hat, glücklich zu sein und Spaß zu haben.

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Kinderbuchmacherin Adina Hermann

Leseliebe: Für wie wichtig halten Sie es, dass es insgesamt mehr coole Kinderbuchheld*innen mit Behinderung gibt? Und warum?

Raúl Krauthausen: Es ist von unschätzbarem Wert, dass Kinderbücher ein breites Spektrum an Charakteren bieten, einschließlich solcher mit Behinderungen. Kinder lernen durch die Bücher, die sie lesen; und durch vielfältige Charaktere lernen sie, die Vielfalt der Welt um sie herum zu schätzen und zu respektieren. Es ist wichtig, dass jedes Kind sich in Geschichten wiederfinden und verstehen kann, dass Unterschiede normal und wertvoll sind.

Adina Hermann: Ja, einerseits lernen Kinder in Büchern auf unterhaltsame Art die Vielfalt der Gesellschaft kennen und auf der anderen Seite sehen sie, dass sie selbst auch Teil des Ganzen sind. Sich selbst im Buch repräsentiert zu sehen, dieser stärkende Moment fehlt leider vielen Kindern mit Diskriminierungserfahrung noch.

Leseliebe: Speziell bezogen auf Kinderbücher: Gibt es etwas, das Sie am Umgang mit Behinderungen stört? Was wäre das Ideal für Sie?

Adina Hermann: Leider gibt es ja insgesamt noch recht wenig Kinderbücher, in denen Behinderung vorkommt. Und wenn sie vorkommt, ist sie meist ohnehin auch das Thema des Buches. Das ist alles andere als inklusiv.

Raúl Krauthausen: Was mich am Umgang mit Behinderungen in manchen Kinderbüchern stört, ist die Tendenz, Charaktere mit Behinderungen auf ihre Einschränkungen zu reduzieren oder sie als Objekte des Mitleids oder übertriebener Bewunderung darzustellen. Das Ideal wäre eine Darstellung, bei der Behinderungen als Teil der menschlichen Vielfalt anerkannt und wertgeschätzt werden, ohne dass sie die gesamte Identität eines Charakters definieren.

Leseliebe: In Ihrem Kinderbuch träumt Ela davon, Astronautin zu werden und bekommt gesagt, dass dieser Traum nicht realistisch sei und sie sich lieber keine falschen Hoffnungen machen solle, um nicht enttäuscht zu werden. Was ist Ihre Antwort auf eine solche Argumentation?

Raúl Krauthausen: Träume sind die Samen der Realität. Heute unmöglich Erscheinendes kann morgen schon Wirklichkeit sein. Aber natürlich ist das keine Garantie. Es ist wichtig, dass wir Kinder ermutigen, zu träumen und ihnen die Werkzeuge und das Selbstvertrauen geben, um ihre Ziele zu verfolgen.

Adina Hermann: Die Geschichte von Ela ist ein Plädoyer für Hoffnung und den unerschütterlichen Glauben an das eigene Potenzial.

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Kinderbuchmacher Raul Krauthausen

Leseliebe: Sie haben einen magischen Wunsch frei und dürfen drei Bücher bestimmen, die jedes Kind auf der Welt in seiner Kindheit liest. Welche Botschaften sollten Kinder idealerweise aus diesen Büchern mitnehmen? Haben Sie vielleicht konkrete Buchvorschläge?

Adina Hermann: Durch unsere Tochter, die gerade 2,5 Jahre alt ist, habe ich Nora Imlaus „Und was fühlst du, Känguru?” und „Was weinst du denn so viel, kleines Krokodil?” lieben gelernt. Solch stärkenden, berührenden Bücher wünsche ich jedem Kind. Und auch den Eltern! Denn die lernen beim Vorlesen auch, die Emotionen der Kinder wertzuschätzen und diese bestmöglich zu begleiten. Überhaupt finde ich es im Vorlesealter toll, wenn Eltern und Kinder gemeinsam Spaß haben. Darum bin ich ein großer Fan der Bücher von Marc-Uwe Kling, zu denen man Tränen lachen kann.

Raúl Krauthausen: Hätte ich einen magischen Wunsch frei, würde ich wählen, dass jedes Kind Bücher liest, die Mut, Mitgefühl und Selbstentfaltung fördern. Konkrete Buchvorschläge würde ich vielleicht nicht machen, denn jedes Kind ist einzigartig und sollte seine eigenen magischen Bücherwelten entdecken dürfen. Die Botschaften, die sie mitnehmen sollten, sind die, dass sie geliebt, wertvoll und fähig sind, ihre eigenen Wege zu gehen.

Leseliebe: Welches Kinderbuch oder welche Lese-Situation hat in Ihren eigenen Kindheiten einen Eindruck hinterlassen, der bis heute nachwirkt und warum?

Raúl Krauthausen: Ein Kinderbuch, das einen bleibenden Eindruck in meiner Kindheit hinterlassen hat, war „Wo die wilden Kerle wohnen”, nicht nur wegen der Geschichte selbst, sondern auch wegen der Tiefe des Buchs trotz seiner Kürze. Ich konnte es wieder und wieder lesen und fand immer etwas Neues. Auch wenn es ein eher trauriges Buch ist.

Adina Hermann: Für mich war die eindrücklichste Lese-Situation ein Krankenhausaufenthalt, der über ein halbes Jahr andauerte. Ich war zehn Jahre alt und las in der Zeit die Kinderbibliothek des Krankenhauses leer – plus all die Buch-Geschenke, die ich bekam. Ich entdeckte die unendliche Geschichte, las mich durch sämtliche Mädchen-Internats- und Pony-Bücher und lernte den satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsch fließend auszusprechen. In der Zeit waren Bücher mein Narnia.
Später konnte ich dann gemeinsam mit meiner besten Freundin die Nacht durchmachen, indem wir den neuesten Harry-Potter-Band in der ersten Nacht nach Erscheinung verschlungen haben. Das war großartig und wirklich magisch.

Leseliebe: Ergänzen Sie doch netterweise den folgenden Satz für uns: Leseliebe ist …

Adina Hermann: … eine Liebe, die ich gern in jedem Kind wecken möchte. Weil sie so viel geben kann: Trost, Wärme, Hoffnung, Freude, Verständnis, Stärke, Wissen.

Raúl Krauthausen: … eine Liebe, die ein Leben lang anhalten kann.

Autor, Inklusions-Aktivist, Moderator

Raùl Krauthausen

Der studierte Kommunikationswirt und Design Thinker arbeitet seit über 15 Jahren in der Internet- und Medienwelt, unter anderem als Speaker, Podcast-Host und Autor. Für sein Engagement im Bereich Inklusion erhielt er 2013 sogar das Bundestverdienstkreuz am Bande. „Als Ela das Weltall eroberte“ ist sein erstes Kinderbuch.

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Autor Raul Krauthausen
Autorin,

Adina Hermann

Adina Hermann war freiberuflich als Grafik-Designerin tätig, bevor sie 2012 bei den SOZIALHELD*INNEN anheuerte. Heute ist sie Head of Design, Projektleiterin und Vorstandsmitglied, hält Vorträge und gibt Workshops und berät Firmen und Projekte in Sachen Diversität und Barrierefreiheit und setzt sich für eine vielfältige Gesellschaft und mehr Teilhabe ein.

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Autorin Adina Hermann

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