Artikel: Kinderbuchmacherin Ayşe Bosse im Interview
 
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Ayşe Bosse über Gefühle

Trauerbegleiterin und Autorin Ayşe Bosse spricht mit Leseliebe über Geühle, Humor und die Macht von Büchern.

Leseliebe: Frau Bosse, Sie haben jahrelang als Model und Schauspielerin gearbeitet, bevor Sie mit einer Ausbildung zur Trauerbegleiterin noch einmal etwas komplett anderes gemacht haben. Wie sind Sie dann auch noch ‚Kinderbuchmacherin‘ geworden?

Ayşe Bosse: Wenn ich ehrlich bin, wollte ich schon immer schreiben. Schon als ich noch nicht selbst schreiben konnte, habe ich meinem Vater lustige Geschichten erzählt, die er für mich aufschreiben musste. Dann kamen erst mal ein paar andere Sachen dazwischen und durch die Arbeit an meinem ersten Buch, einem Trauerbuch für Kinder, bin ich dann doch da angekommen, wo ich eigentlich hin wollte. Die schönsten Wege sind ja oft die Umwege.

Leseliebe: Was macht ein gutes Kinderbuch für Sie aus?

Ayşe Bosse: Es nimmt mich mit in seine Welt, berührt mich, bringt mich zum Lachen oder macht einen Kloß im Hals. Ich persönlich mochte schon immer alles Fantastische sehr gerne. Als Kind und Jugendliche habe ich dickste Fantasy-Schinken verschlungen.

Leseliebe: Ihre Kinderbücher drehen sich schwerpunktmäßig um die Themen Tod, Verlust und Trauer, passend zu Ihrer Arbeit als Trauerbegleiterin. Was genau machen Trauerbegleiterinnen und -begleiter eigentlich?

Ayşe Bosse: Ich unterstütze Kinder und Jugendliche, die um jemanden trauern. Oft sind ja die Eltern der Kinder selbst auch betroffen und sehr traurig; da ist es gut Unterstützung von außen zu bekommen. Trauerbegleitung hört sich aber trauriger an, als es ist. Klar, wir reden über traurige Dinge und es fließen auch Tränen, aber wir machen viel zusammen, was gut tut und Spaß macht, denn genau das ist sehr wichtig, wenn man trauert. Dass man sich gönnt, trotzdem Freude und Spaß zu haben.

Die, die gestorben sind wünschen sich hundertprozentig schöne und leichte Momente für ihre Liebsten. Und zwar so viele wie möglich. Niemand erwartet von uns, dass wir immer traurig sein müssen. Sich Gutes tun ist wichtig. Wenn ich das den Kindern sage, mit denen ich arbeite, sind sie immer sehr erleichtert.

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Ganz schön traurig Innenseite Trauer

Leseliebe: Als Trauerbegleiterin haben Sie insbesondere auch Kinder betreut. Wie erleben Sie Kinder im Umgang mit solch intensiven Gefühlen wie Trauer? Verhalten sie sich anders als Erwachsene?

Ayşe Bosse: Kinder sind viel besser darin, sich zwischendurch auch Leichtigkeit zu erlauben und diese zuzulassen, nur haben sie dabei oft ein schlechtes Gewissen. Denn wenn sie sich die Erwachsenen beim Trauern anschauen, machen sie sich Sorgen, dass sie falsch trauern und bekommen Schuldgefühle. Dabei ist es genau umgekehrt! Die Erwachsenen sollten sich mehr bei den Kindern abschauen, wie das richtig geht mit dem Trauern. Es muss eine gute Mischung aus schwer und leicht sein. Jeder darf trauern wie er das möchte und muss sich in kein Schema pressen lassen. Wichtig ist nur, die Trauer zu bearbeiten, die Traurigkeit zuzulassen, wenn sie dann da ist und sie nicht zu verdrängen. Gefühle müssen gefühlt werden.

Leseliebe: Wie sollen Ihre Kinderbücher bei der Bewältigung der Gefühle helfen? Welche Idee hat Sie beim Konzipieren und Schreiben der Bücher geleitet?

Ayşe Bosse: Meine Bücher ermutigen in der Trauer aktiv zu sein, ihr Raum zu geben, sie zuzulassen, mit allen Gefühlen. Auch Wut ist Trauer. Oder jemand, der die ganze Situation immer wieder veralbert und sogar Witze darüber macht, trauert so auch. Es gibt beim Trauern kein Falsch, außer man schadet anderen oder sich selbst in seiner Trauer; das ist dann natürlich falsch. Meine Bücher sind dazu da, aus der Sprachlosigkeit herauszukommen und darüber zu reden. Denn wenn man darüber redet, wird die Angst kleiner. (Den Satz hat mir mal ein Kind geschenkt.) Außerdem brauchte ich damals ein Buch für meine Tochter, die sehr um ihren Opa, meinen Vater, getrauert hat.

Leseliebe: Ihr Kinderbuch „Weil du mir so fehlst“ enthält eine Aufzählung, warum jedes Kind so trauern darf, wie es will (Mein Recht auf Trauer). Auch in Ihrem neuen Bilderbuch „Ganz schön traurig“ betonen Sie, dass jedes Kind auf seine Weise traurig sein darf. Warum ist es Ihnen wichtig, gerade diesen Punkt Kindern (und Eltern) deutlich zu machen?

Ayşe Bosse: Weil Kinder genauso ernst genommen werden möchten und müssen, wie Erwachsene. Sie auszuschließen aus der eigenen Trauer, vielleicht mit besten Absichten, nämlich sie zu schützen, funktioniert nicht. Man kann seine Trauer nicht vor Kindern verstecken, sie sind so schlau und emphatisch und bekommen alles auf einer tiefen Ebene mit. Nicht mit Ihnen über alles zu reden ist dann das wirklich Verstörende für Kinder. Außerdem trösten Kinder sehr gerne und sind sehr gut darin.

Wir sind alle einzigartige und individuelle Wesen. Wir mögen doch nicht alle dasselbe Essen oder dieselbe Musik usw. Und genauso dürfen und müssen wir einzigartig trauern dürfen. Eltern kann man so vielleicht die Angst davor nehmen, dass ihr Kind nicht richtig trauert. Denn es gibt – wie gesagt – kein Richtig … oder Falsch.

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Weil du mir so fehlst Innenseite Trauer

Leseliebe: Haben Sie Tipps für Eltern, deren Kinder ihre Gefühle ganz in sich verschließen?

Ayşe Bosse: Signalisieren, dass man immer da ist, wenn die Gefühle dann doch mal raus müssen. Und tatsächlich zum Thema Lesen: Es gibt so viele wunderbare Bücher, die sich mit verschiedensten Verlustthemen befassen; da kann man inzwischen für fast jede Situation ein passendes Buch finden. Gute Filme gibt es auch dazu. Und Musik! Musik ist wunderbar heilend und hilft die Gefühle rauszulassen, die raus müssen. Aber das allerbeste Heilmittel bei Trauer ist LIEBE. Ein Trauernder schüttet Cortisol aus, ein Stresshormon. Bekommt er Liebe und Zuneigung, wird gekuschelt und gedrückt, schüttet er Oxytocin aus, auch das Kuschelhormon genannt. Das hilft. Wenn Kinder nicht gerne mit ihren Eltern kuscheln, was häufiger vorkommt, je älter sie werden, sind Haustiere mit die besten Trauerbegleiter und Tröster. Haustiere sind in vielerlei Hinsicht wichtig. Im besten Falle ermöglichen sie Kindern eine erste Begegnung mit dem Thema Sterben und Tod in ihrem Leben, denn sie werden nun mal nicht so alt wie Menschen. Sie tragen so dazu bei, dass Kinder so schon einmal Erfahrungen sammeln können. Mein neuestes Buch „Ganz schön traurig“ ist eine Liebeserklärung an alle Kleintiere.

Leseliebe: Angesichts Ihrer Erfahrungen als Trauerbegleiterin für Kinder verwundert es kaum, dass Tod und Trauer in Ihren Kinderbüchern eine wichtige Rolle spielen. In Ihrem Kinderbuch „Pembo“ geht es allerdings vielmehr um das Aufeinandertreffen von Kulturen, um Rollenbilder und Vorurteile. Stecken auch da persönliche Erfahrungen hinter?

Ayşe Bosse: Klar, auf jeden Fall. In Pembo steckt viel von mir drin. Zum Beispiel auch die Beziehung zu ihrem Vater, die eine ganz besondere ist. Mein Vater war vielleicht nicht ganz so emotional und wuschelig wie Pembos Vater, aber er hieß auch Mustafa und hat sehr gerne Zaubertricks gemacht …

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Autorin Ayse Bosse

Leseliebe: Was soll Pembo als Kinderbuchheldin Ihren kleinen LeserInnen vermitteln?

Ayşe Bosse: Dass es cool ist, man selbst zu sein. Dass man sich nicht ändern muss, um mehr gemocht zu werden, sondern, dass es darum geht, die richtigen Menschen im Leben zu haben und zu finden, die einen so lieb haben, wie man ist. Außerdem, dass es toll ist, mit mehreren Kulturen aufzuwachsen, oder sich für andere Kulturen zu interessieren, weil das noch glücklicher machen kann, als man eh schon ist. Vor allem meine ich damit wirklich JEDE andere Kultur. Bisher war es immer spannend, wenn jemand halb englisch oder französisch war. Türkisch war da immer eher so B-C … Wirklich JEDE Sprache, die man sprechen kann, ist cool und ein Geschenk!

Leseliebe: Das heißt, der Untertitel „Halb und halb macht doppelt glücklich“ meint vor allem die Herkunft aus unterschiedlichen Kulturen? Oder geht es Ihnen auch ganz allgemein um Vielfalt?

Ayşe Bosse: Ja und ja, es geht mir sehr um Vielfalt. In Pembo wird ja noch mehr thematisiert, nämlich Pembos Allergie auf Mädchenkram, oder dass sie den dicken Bauch ihres Freundes Paul abfeiert oder dass ihre Mutter einen blöden, altmodischen Heini, der denkt, dass Frauen nichts drauf haben, fast verprügelt.

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Kinderbuch-Heldin Pembo

Leseliebe: Was bedeutet Toleranz für Sie und wie tragen Kinderbücher Ihrer Meinung nach zu einer toleranten Weltsicht bei?

Ayşe Bosse: Toleranz bedeutet für mich das, was das Wort bedeutet. Sein lassen. Kinderbücher sind magisch. Ein Zauber für eine gesunde Weltsicht. Nicht nur für Kinder, sondern auch für die Erwachsenen, die vorlesen. Bücher sind die Macht. Das geschriebene Wort ist so stark, das darf man nicht unterschätzen. Solange Menschen noch lesen, ist alles gut.

Leseliebe: Welche Bedeutung hat für Sie Humor im Umgang mit ernsten Themen?

Ayşe Bosse: Ich finde beides wichtig: Dinge mit Humor nehmen zu können, aber auch in der Lage zu sein Traurigkeit zu fühlen und zu leben, wenn es sein muss. Gefühle müssen und wollen gefühlt werden, sonst nerven sie irgendwann extrem ab. Alle.

Leseliebe: Sie haben einen magischen Wunsch frei und dürfen drei Bücher bestimmen, die jedes Kind auf der Welt in seiner Kindheit liest. Abgesehen von Ihren eigenen, für welche Bücher entscheiden Sie sich?

Ayşe Bosse: Das ist schier unmöglich, weil es so viele wichtige Kinderbücher gibt. Ich nenne mal die ersten drei von meiner Liste : „Ronja Räubertochter“, „Gips oder wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte“ und „100 Kinder“.

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Ayse Bosse Kinderbuchautorin

Leseliebe: Welches Kinderbuch oder welche Lese-Situation hat in Ihrer eigenen Kindheit einen Eindruck hinterlassen, der bis heute nachwirkt und warum?

Ayşe Bosse: „Jaga und der kleine Mann mit der Flöte“ von Irina Korschunow. Ich weiß nicht mehr genau, worum es darin geht, aber es ist sehr traurig, das erinnere ich noch. Es hat mich sehr berührt damals. Ich habe es seit meiner Kindheit nicht mehr gelesen, aber es eben auf eBay gefunden und bestellt.

Leseliebe: Ergänzen Sie doch netterweise den folgenden Satz für uns: Leseliebe ist …

Ayşe Bosse: … ein Universum aus Gefühlen.

Autorin

Ayşe Bosse

Ayse Bosse war mal Model und Schauspielerin und arbeitet heute als Autorin und Trauerbegleiterin. Sie schrieb bereits mehrere Trauerbücher für Kinder und Jugendliche und erzielte damit große Erfolge. Ihr erster Kinderroman "Pembo" wurde sogar mit mehreren Preisen ausgezeichnet und für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

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Ayse Bosse

(c) Foto: Nina Stiller

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