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Gastbeitrag: Für mehr Familienchaos in Kinderbüchern!

Mein tägliches Familienchaos besteht aus Papierschnipseln ("Wir basteln hier"), Bücherstapeln, ("Guck ich mir gleich an"), Kleidung ("Für morgen"), Spielzeug ("Hab ich schon gesucht") und Bauklötzen ("Das wird eine Burg").

Als Mutter von drei kleinen Kindern bin ich eine gewisse Menge an herumliegenden Dingen durchaus gewohnt und stehe dem aufgeschlossen gegenüber. Wo Kinder sind, ist Leben, und das ist ja auch nicht immer geordnet. Aber ach, es gibt Momente, da erschöpft mich das alles auch sehr. Da sehe ich nichts als dieses Chaos, und das macht mir dann auch richtig schlechte Laune. Und so führt das für alle sichtbare Durcheinander in unserer Wohnung auch zu Verwirrungen in unserem Gefühlsleben. Plötzlich ist da ganz viel Streit und Stress, ich motze die Kinder an, bin schnell genervt und furchtbar ungeduldig. Das kann ich an mir selbst nicht leiden und meinem Nachwuchs geht es nicht anders. Da wird gestritten und gemeckert und sich gegenseitig geärgert, sodass wir alle vom Familienfrieden ganz weit entfernt sind. Statt geliebtes Kuddelmuddel ist alles ein großes, unglückliches Tohuwabohu.

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Familienchaos Legosteine

Familienchaos findet in Kinderbüchern viel zu selten statt

Jede Familie hat wohl immer wieder auch stressige Zeiten. Die, in denen alle genervt sind, die Stimmung mies und nichts mehr richtig klappen will. Aber ist euch schon aufgefallen, dass das Familienchaos in Kinderbüchern sehr selten ein Thema ist? Vermutlich, weil das Chaos in den Büchern Kinder nicht anstiften soll, zuhause auch noch alles zu verwüsten. Aber dabei brauchen Kinder genau das, auch mal chaotische Vorbilder. Wie sollen sie sonst lernen, dass es anderen auch so geht? Meine drei lechzen jedenfalls nach Illustrationen und Beschreibungen von Familienszenen, die sie an ihr eigenes Zuhause erinnern. Leider werden sie da oft enttäuscht. Denn es scheint nur zwei Szenarien zu geben, in denen das durchschnittliche Chaos einer jeden Familie im Kinderbuch dokumentiert wird. Entweder hat die Familie im Buch gerade ein Baby bekommen, dann scheint es tolerabel zu sein, dass die Ordnung kurzfristig leidet. Oder aber die Familie besteht aus mindestens drei Kindern. In dem Fall scheint allen klar zu sein, dass es dann mit der Sauberkeit vorbei ist. Ich kann das gar nicht glauben, dass nur Eltern von mehr als zwei Kindern trubeliges Durcheinander kennen.

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Familienchaos Bücher 2

Kinder lernen aus Büchern – warum nicht auch das Chaos zeigen?

Was die Sorge von Verlagen und Eltern angeht, Kinder könnten sich in Kinderbüchern Anregungen fürs eigene Leben holen, da sage ich: Na bitte sehr! Wir alle geben unserem Nachwuchs die Bücher zu lesen, die wir für pädagogisch sinnvoll erachten, bei denen sie etwas lernen. Diese wichtige Aufgabe, Kindern ihre Welt zu erklären, die lassen wir all die Bücher gern übernehmen. Aber chaotischen Familienalltag sparen wir da lieber aus. Zu realistisch, nicht, dass das Kind noch neue Ideen für die eigene Unordnung bekommt. Wie schade, denn, wenn wir mal ehrlich sind, in den allermeisten Familienhaushalten werden sich Eltern und Kinder einen Weg durch das alltägliche Chaos aus Papier, Kuscheltieren und Bauklötzer bahnen.

Warum also nicht zeigen, wie es ist? Warum nicht Geschichten vorlesen, in denen Mama wegen Terminstress zu spät kommt, in denen Papa beim Aufräumen verzweifelt? Wieso nicht überhaupt mal thematisieren, dass Aufräumen in vielen Familien zu Streit und Frust und Tränen führt. Wenn wir ganz ehrlich miteinander sind: Wir gern beseitigt ihr denn das Familienchaos? Und wie oft bekommt ihr wegen all dem Drumherum schlechte Laune? Sollten Kinder nicht auch das in ihren Büchern finden? Und Erklärungen dafür bekommen, warum manches ist, wie es ist und was dagegen hilft?

Familienchaos mit mehreren Kindern – ein paar Buchtipps

Wenn es euren Kindern wie meinen geht und sie gern in die Leben anderer Großfamilien eintauchen, dann sieht es leider etwas mau aus. Es gibt nicht viele Kinderbücher, die das in den Mittelpunkt rücken. Die Krux ist nämlich, Familienchaos wird oft nur mit tierischen Protagonisten gezeigt. Die Bärenhöhle oder der Fuchsbau, die dürfen unordentlich sein. Echte Familienhaushalte aber nicht. Für alle, die wie wir auf der Suche sind, hier ein paar Herzensempfehlungen.

Das kleine Wir zu Hause – Daniela Kunkel

Große Familien sind toll. Aber sie bergen auch jede Menge Streitpotenzial in sich. Es muss auf mehr Gefühle Rücksicht genommen werden. Mehr Familienmitglieder bedeuten mehr Durcheinander, machen mehr Koordination nötig. Das Buch zeigt den Kindern, dass wir alle dafür zuständig sind, auf das Gemeinschaftsgefühl aufzupassen. Denn nur miteinander kann es gelingen, als Familie glücklich zu werden. Als wir eben.

3 Kinder und ein Tag – Tanja Székessy

Dieses Buch sorgt für Verwirrung. Beim Durchblättern hatte ich meine Kinder schon im Verdacht, sie hätten darin herumgemalt. Aber nein, es ist mit Absicht so wild. Und deswegen so gut, weil es zeigt, wie viele Bedürfnisse in einer fünfköpfigen Familie aufeinandertreffen. Es geht um Geschwisterstreitigkeiten und Geschwisterliebe, um Familienchaos und alle fünfe gerade sein lassen. Und auf der letzten Seite, wenn die erschöpften Eltern inmitten des Chaos die Ruhe genießen, da atme auch ich jedes Mal auf.

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Familienchaos Bücher 2

Buchtipps mit chaotischem Alltag

Conni ist wütend – Liane Schneider & Janina Görrissen

An Conni scheiden sich die Geister, vielen ist sie zu perfekt. Genau deswegen hat sie einen Platz in dieser Sammlung verdient. Denn in „Conni ist wütend“ ist das Mädchen nicht nur genauso wütend wie es unser Nachwuchs oft ist, nein, sie hat in ihrem Kinderzimmer (immerhin da!) auch so richtig viel Chaos. Gerade weil Conni für viele Kinder eine wichtige Identifikationsfigur ist, freue ich mich, dass das Familienleben hier realistisch gezeichnet wurde.

Papa kann fast alles – Günther Jakobs

Alles an dem Buch ruft Chaos. Papa steht im Mittelpunkt, der das Familienleben so irgendwie hinbekommt. Ein fast repariertes Spielzeug, die fast geputzte Wohnung, Einkäufe schleppen, Papa ist ein toller Vater. Alles ist ein bisschen chaotisch, so ist es nun mal im echten Leben. Ein fast perfekter Papa ist der beste Vater, den fast perfekte Familien eben brauchen.

Wir Kinder aus dem Möwenweg – Kirsten Boie

Eigentlich ein Buch über Freundschaft. Und doch ist Familienleben ein Thema. Es ist nicht leicht für Tara, die mit zwei Brüdern aufwächst. Oft muss sie zurückstecken. Doch es ist immer klar: Wenn es hart auf hart kommt, halten Familien zusammen.

Familienchaos und ganz große Liebe

Diese beiden Empfehlungen haben Tiere als Hauptpersonen. Aber sie sind so großartig fürs vom Familienchaos geplagte Herz.

Es gibt keine Kinder – Moni Port

Es gibt nur ganz wenig Text, deswegen haben schon die Allerkleinsten Spaß mit dem Buch. Monsterchen fürchtet sich vor Menschen. Tagsüber, wenn der Menschenjunge das Zimmer bespielt, schläft er. Das Kinderchaos wird, wie das bei uns allen so ist, natürlich nicht jeden Abend beseitigt und Mama Monster wundert sich, wer das wohl war. Monsterchen weiß, „das waren bestimmt die Kinder“.

Pip & Posy – Axel Scheffler

Pip und Posy sind aus mir unerfindlichen Gründen nicht so bekannt wie „Das Grüffelo“, was ebenfalls von Axel Scheffler gezeichnet wird. Hase und Maus sind großartige Begleiter für Kindergartenkinder. Beide müssen in sehr liebevollen Elternhäusern groß werden, denn wer so entspannt alle Spielsachen auf dem Boden verteilt, der braucht Eltern mit viel Langmut. Ein Blick auf Schefflers Schreibtisch verrät: Auch er liebt Chaos. https://axelscheffler.de/buecher-fuer-kleinkinder/pip-und-posy-ein-schoener-wintertag

Zum Schluss noch ein Buchtipp für all die, die über die Liebe in Großfamilien sprechen wollen.

Wen hast du am allerliebsten? – Sam McBratney & Anita Jeram

Die Frage nach dem Lieblingskind stellen alle Kinder irgendwann. Wir lieben all unsere Kinder, aber es fällt dem Nachwuchs oft schwer, das zu glauben. Dieses Bilderbuch erklärt das mit der Liebe ziemlich gut und hinterlässt ein wohlig-schönes Gefühl im Bauch. Und so von Liebe getragen, lässt sich doch wirklich jedes Familienchaos auch überstehen, oder?

Andrea Zschocher von "runzelfüsschen.de"

Andrea Zschocher lebt in Berlin. Sie ist Mutter von drei Kindern, freie Journalistin und schreibt seit Jahren für alle Eltern auf ihrem Blog "Runzelfüsschen" über das Leben mit Kindern. In ihren Artikeln bringt sie die Herausforderungen des Alltags humorvoll und warmherzig auf den Punkt und ist deshalb eine der beliebtesten Familienbloggerinnen Deutschlands.

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Porträt Andrea Zschocher