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Interview: Trennungsschmerz an der Kita-Tür

Was macht den Kitastart leichter? Unser Gastautor Birk Grüling interviewt Familienberaterin Annette zu Solms.

Birk Grüling: Mit zweieinhalb Jahren hatte mein Sohn eine Phase, in der es beim morgendlichen Abgeben in der Kita immer mal wieder dicke Tränen gab – vor allem dann, wenn die Trennung schnell gehen musste. Gibt es solche Phase bei jedem Kita-Kind?

Annette zu Solms: Auch wenn ein Kind gut in der Kita eingewöhnt ist, kann es dennoch immer mal wieder Phasen geben, wo die Trennung schwerer fällt. Das kann ganz unterschiedliche Ursachen haben und muss immer individuell betrachtet werden. Vielleicht fallen dem Kind gerade Veränderungen – und wenn es nur der morgendliche Weg von einem Ort zu einem anderen ist – schwer. Es kann auch sein, dass im häuslichen Umfeld Dinge passieren, die das Kind (noch) nicht versteht und es dadurch verunsichert ist. Dann suchen Kinder grundsätzlich die Nähe ihrer Eltern, ihrem wichtigsten Halt, und eine Trennung fällt ihnen schwer. Desto kleiner die Kinder sind, desto mehr spüren sie, wenn die Mutter oder der Vater innerlich aufgewühlt sind und Stress haben. Das kann ein bevorstehender Arbeitsplatzwechsel oder Umzug sein, Sorge um die kranke Großmutter oder auch Stress in der Paarbeziehung. Besonders wenn ein neues Geschwisterchen da ist, hat sich das Zusammenspiel zuhause verändert und das verunsichert jedes Kind. Natürlich können auch besondere Vorkommnisse in der Kita das Kind verunsichern und die Trennung morgens erschweren.

Birk Grüling: Welche Rolle spielt das Verhältnis zu den ErzieherInnen?

Annette zu Solms: Ich sage zu unseren pädagogischen MitarbeiterInnen immer, dass der Start in die Kita-Zeit das wichtigste ist. Ist die Eingewöhnung gelungen, besteht ein gutes Verhältnis zwischen den Eltern, den BezugserzieherInnen und dem Kind. Dann können die Eltern ihr Kind mit einem guten Gefühl in die Kita geben – es fühlt sich dort sicher und die ErzieherInnen können auf das Kind gut eingehen. Dafür ist es wichtig, dass immer ein guter Austausch zwischen den Eltern und der Betreuungsperson in der Kita besteht. Die ErzieherInnen sollten über den Familienalltag der Kinder ebenso Bescheid wissen, wie auch über besondere Vorkommnisse. So können sie in der Kita auch auf die hin und wieder auftretenden Schwierigkeiten des Kindes besser und individuell eingehen.

Birk Grüling: Welche Auswirkungen hat ein elterliches Misstrauen gegenüber der Kita?

Annette zu Solms: Sind Eltern sehr verunsichert und glauben, dass einiges im Kindergarten nicht gut läuft, dann spüren das die Kinder. Ganz schwierig kann es werden, wenn Eltern aus ihrem Unverständnis und ihrer Hilflosigkeit heraus den ErzieherInnen gegenüber unfreundlich werden. Das verunsichert die Kinder im höchsten Maße und kann auch die Beziehung zwischen ErzieherIn und Kind negativ beeinflussen. Das ist gar nicht gut, denn dann verliert das Kind seinen Halt im Kindergarten. Somit ist es sehr wichtig, dass Eltern aufkommende Fragen und Unsicherheiten möglichst schnell und in Ruhe in der Kita klären.

Birk Grüling: Bei meinem Sohn versicherten die Erzieherinnen mir fast täglich, dass die Tränen schon wenige Augenblicke nach meinem Gehen verschwunden waren. Wie können Kinder so schnell ihren Trennungsschmerz vergessen?

Annette zu Solms: Diese Beobachtung machen wir vor allem bei kleineren Kindern. Ihnen fehlt noch die Vorstellungskraft, um sich plötzlich den Tag ohne Mama oder Papa auszumalen. Wenn die Eltern dann tatsächlich weg sind und die Bezugsperson da ist, kann das Kind sich ja dennoch sicher fühlen. Sie vergessen dann ihren Trennungsschmerz oft sehr schnell wieder. Bei größeren Kindern ist das schon etwas schwieriger.

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Birk Grüling: Mit welchen Tricks können die PädagogInnen den Kindern das Ankommen erleichtern?

Annette zu Solms: Die ErzieherInnen kennen ihre Kinder meistens ziemlich gut und wissen um die individuellen Besonderheiten. Wenn sie auch noch einen guten Draht zu den Eltern haben und dadurch informiert sind, was momentan wichtig im Leben der Kleinen ist, können sie auch mit aufkommendem Trennungsschmerz gut umgehen. Oft helfen zum Beispiel kleine Rituale, um in den Kita-Alltag eintauchen zu können. Je nach Ereignis und Temperament des Kindes kann es wichtig sein, dass es noch eine Weile auf dem Arm „auftankt“, oder sein Lieblingsbuch oder Teddy braucht, seine Kita-Freunde sieht, ein bisschen mit anderen singt, oder manche Kinder kommen auch besser in der Kita an, wenn sie etwas zu essen bekommen.

Birk Grüling: Ich habe von ErzieherInnen gehört, dass eine Eingewöhnung zum Scheitern verurteilt ist, wenn die Eltern nicht bereit für die Trennung sind. Gilt das auch für das morgendliche Abgeben?

Annette zu Solms: Wie ich schon sagte, haben Kinder feine Antennen und spüren, wenn es der Mutter oder dem Vater nicht gut geht. Desto kleiner die Kinder sind, desto mehr sind sie ein Spiegel ihrer Eltern. Besonders stark ist es meist bei der Mutter, da das Kind mit ihr ja auch mal „eins“ war. Hat die Mutter innerlich Schwierigkeiten das Kind in die Kita zu geben, hat das Kind es in der Eingewöhnung oft schwer. Das gilt im Kita-Alltag natürlich auch. Das ist auch der Grund, warum es oft einfacher ist, wenn die Väter die Kinder in die Kita bringen. Aber natürlich kann es auch bei Vätern mal schwierig werden. Hier kommt es wieder auf das Vertrauen an, welches die Eltern in die ErzieherInnen und in ihre Arbeit haben.

Birk Grüling: Wir haben jetzt viel über kleinere Abschiedsdramen am Morgen gesprochen. Gibt es auch Situationen, in denen diese Trennung eben nicht gleich wieder vergessen ist?

Annette zu Solms: Ja, solche Momente gibt es natürlich auch. Desto kleiner die Kinder, desto wichtiger ist es, dass man die Kinder nicht zu lange diesem Stress aussetzt. Wir wissen heute, dass länger anhaltender Stress – und vor allem immer wiederkehrender Stress – für das Wachstum der Kinder nicht gesund ist. Wenn nichts mehr geht, gibt es meist auch einen Grund. Vielleicht ist das Kind krank, oder – wie schon gesagt – es gibt Veränderungen, die das Kind verunsichern und ängstlich machen. Dann sollten die Eltern gerufen werden, denn dann werden sie wirklich gebraucht.

Birk Grüling: Und was, wenn genau das öfter passiert?

Annette zu Solms: Passiert dies öfter, ist es sehr wichtig, dass man sich zusammensetzt und überlegt, woran es liegen könnte und wie für das Kind ein Übergang erleichtert werden kann. Vielleicht ist ein „Neustart“ gut, oder wenn die Kinder noch sehr klein sind, kann es auch sein, dass es vielleicht einfach noch ein oder zwei Monate zu früh ist. Hier kommt dann wieder die gute Beziehung zwischen den ErzieherInnen und den Eltern zum Tragen und der individuelle Blick auf das Kind.

Wie gerne geht dein Kind in die Kita? Gab es auch bei deinem Kind öfter mal Abschiedstränen an der Kita-Tür? Wie hast du reagiert? Gibt es ein tolles Kinderbuch, das euch die Trennung erleichtert hat? Verrate es uns in den Kommentaren!

Familienberaterin

Annette zu Solms

Annette zu Solms ist Familienberaterin bei der FRÖBEL Bildung und Erziehung gGmbH in der Region Hamburg/Schleswig-Holstein. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählt die Beratung zu Erziehung, sowie pädagogischen und entwicklungspsychologischen Fragen. Sie organisiert Elternabende und Gesprächsrunden zu pädagogischen Themen. Auch unterstützt sie ErzieherInnen bei der Zusammenarbeit mit Familien. 

(c) Bild: Fotocredits: FRÖBEL e.V./Bettina Straub

Familienberaterin Annette zu Solms

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