Artikel: 6-10 Jahre
 
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Interview: Wie Kinder schreiben lernen

Leseliebe: Frau Dr. Odersky, Sie sind an der LMU unter anderem in dem Forschungsgebiet „Automatisierung von Handschriften“ tätig und haben dazu schon zahlreiche Arbeiten veröffentlicht. Was fasziniert Sie so an dem Schreiblernprozess?

Dr. Eva Odersky: Der Schreiblernprozess fasziniert mich zunächst deswegen, weil er dem Kind die Welt der Schriftsprache, der Bücher, der Teilhabe an schriftlicher Kommunikation eröffnet. Wissenschaftlich fasziniert mich die Komplexität des Schreibprozesses, dessen wir uns zumeist gar nicht bewusst sind, der aber insbesondere beim Erlernen sehr anspruchsvoll ist. Wir sehen und beurteilen vor allem das Schreibprodukt, also das, was geschrieben wurde, weniger den Schreibprozess, der dem zugrunde liegt. Wir Erwachsenen denken beim Schreiben nämlich nicht mehr bewusst über die Bewegungen, die unsere Finger ausführen müssen, nach, sei es beim Handschreiben oder auf einer Tastatur oder auf dem Handy oder Tablet. Diese Automatisierung, die es uns ermöglicht, uns auf die Inhalte, die wir schreiben, zu konzentrieren, müssen sich Kinder durch viel Übung aber erst aneignen. 

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Interview Odersky Schreibübungsbuch Innenseite Runde Handschrift

Leseliebe: Welche Hürden müssen Kinder beim Schreibenlernen überwinden?

Dr. Eva Odersky: Zunächst und ganz offensichtlich sind es rein motorische Hürden, die das Kind meistern muss: Schreiben ist eine Tätigkeit, die hohe Anforderungen an die feinmotorischen Fähigkeiten stellt. Gerade und schräge Striche müssen gezogen, verschiedene Bögen und Schleifen genau geformt und viele Drehrichtungswechsel ausgeführt werden, und das alles ziemlich klein! Die ausgefeilte Feinmotorik, die man dafür benötigt, kann sich wiederum nur auf Grundlage einer gut entwickelten Grobmotorik entfalten. 
Doch der Schreibprozess ist so komplex, weil es eben nicht ausreicht, motorisch fit zu sein. Denn Schreiben umfasst immer auch Inhalt, und zwar die eigentliche Aussage des Geschriebenen genauso wie sprachliche Formulierungen, grammatische Strukturen, den „Lautwert“ eines Buchstaben usw.

Leseliebe: Gibt es Standard-Fehler, die besonders häufig gemacht werden? Und kann man denen vorbeugen?

Dr. Eva Odersky: Der häufigste Standardfehler ist wohl, dass allein das Schreibprodukt betrachtet und oft ziemlich kritisch und pauschal beurteilt wird: Schreibe ordentlicher! Schreibe genauer in die Linien! 
Darüber wird vergessen, dass Schreiben eine Bewegung ist und zwar eine Bewegung, die zunehmend flüssig, zügig, geläufig erfolgen soll. Das gelingt aber nur, wenn diese Bewegung automatisiert und nicht – visuell – kontrolliert ausgeführt wird. 
Probieren Sie es aus: Schreiben Sie einen beliebigen Buchstaben und spuren Sie ihn dann ganz genau nach. Oder schreiben Sie ein Wort auf weißes Papier und dann exakt in eine Lineatur für Schreibanfänger. Flüssiges Schreiben gelingt nur im jeweils ersten Fall, dagegen erfordert die Begrenzung durch Linien visuelle Kontrolle und kann deswegen nicht in gleicher Weise automatisiert, schnell und flüssig erfolgen.
Vorbeugen kann man hier vor allem durch Verzicht: Verzicht auf Begrenzungslinien – besser sind zum Beispiel farbige Zeilenbänder – und Verzicht auf monotone Nachspurübungen: Besser ist es, einen Buchstaben ein- oder zweimal nachzuspuren, um sich die Bewegung einzuprägen, das muss gar nicht mit einem Stift sein, Nachspuren nur mit dem Finger ist super. Anschließend wird der Buchstabe mehrmals, wenn möglich in verschiedenen Größen, „frei“ geschrieben – ohne auf Begrenzungslinien oder Vorgaben zu achten.

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Interview Odersky Schreibübungsbuch Innenseite Runde Lineatur

Leseliebe: Wie kann man von zuhause aus das richtige Schreiben unterstützen? Haben Sie Tipps und Tricks für die Leseliebe-Eltern?

Dr. Eva Odersky: Ich rate dazu, Schreiben möglichst vielfältig erleben zu lassen. Man kann ja nicht nur mit einem Stift auf Papier schreiben, sondern auch mit dem Finger in den Sand, beim Baden mit dem Wasser oder Badeschaum, in eine angelaufene Fensterscheibe, dem Freund auf den Rücken und so fort. Und man kann nicht nur mit dem Finger schreiben, sondern auch großformatig mit der ganzen Hand, mit Kreide im Hof, man kann Buchstaben und Wörter rennen oder auf ausgelegten Seilen balancieren, vielleicht sogar ganz konzentriert mit einem Buch auf dem Kopf, das nicht herunterfallen darf? Auch beim „klassischen“ Schreiben kann man unterschiedliche Papiersorten und ganz verschiedene Stifte und Schriftgrößen erproben. Unterschiedliche Zugänge unterstützen das Einprägen und Sichern des Bewegungsablaufs.
Und noch ein Trick, vor allem für Kinder, die – wie häufig am Schreibanfang – mit zu viel Druck schreiben und den Stift infolgedessen zu verkrampft halten. Legen Sie das Papier mal auf Wellpappe oder Moosgummi oder einen Teppich – das Papier darf beim Schreiben natürlich nicht mit dem Stift durchlöchert werden! 

Leseliebe: Sollte man schon vor Schulbeginn mit Schreibübungen beginnen? Wenn ja, mit welchen?

Dr. Eva Odersky: Am wichtigsten ist es, spielerisch die Feinmotorik zu trainieren, denn das ist die wichtigste „Vorläuferfähigkeit“ fürs Schreiben. Je nach Alter und Interesse des Kindes kann es  kneten, falten, Perlen auffädeln, Sandkuchen backen, Lego bauen, beim Kochen und Backen helfen, ...  einfach alles, was die Hand- und Fingermuskulatur beansprucht und trainiert.
Natürlich sind auch dem Schreiben enger verwandte Tätigkeiten wie Malen und Ausmalen sinnvoll oder eben Spurübungen, doch achten Sie unbedingt darauf, dass dabei möglichst wenig vorgegebene Formen oder Buchstaben nachgespurt werden und möglichst viel frei weitergespurt werden kann.
Und versäumen Sie vor allem nicht, die Lust am Schreiben zu erhalten: Kinder „schreiben“ ja schon vor Schulbeginn, seien es Kritzelbriefe, Listen wichtiger Dinge, Beschriftungen der Kinderzimmertür oder Wunschzettel für den Geburtstag. Wenn Sie hier die Rechtschreibung korrigieren oder schiefe Buchstaben begradigen, nehmen Sie Ihrem Kind seine Schreibmotivation. Achten Sie nur von Anfang an darauf, dass es die Buchstaben in einer bewegungsgünstigen Richtung ausführt, also prinzipiell von links nach rechts. Korrigieren Sie auch hier nicht im Nachhinein, sondern nutzen Sie Pfeile oder Punkte, die die Richtung oder den „Start“ der Buchstaben markieren. Wenn Ihr Kind sich einen ungünstigen Bewegungsablauf einmal angewöhnt hat, ist es sehr mühsam, diesen wieder zu korrigieren – das ist wie im Sport, es dauert sehr lange und braucht sehr viele Wiederholungen, einen einmal automatisierten Ablauf (z.B. Ausholbewegung im Tennis oder Golf, Abrollen beim Joggen, Beinschlag beim Schwimmen ...) zu verändern.

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Interview Odersky Schreibübungsbuch Innenseite Runde Linien

Leseliebe: Seit 2000 schreiben Sie selbst Kinderbücher und Schulbücher. Wie helfen Ihnen dabei Ihre Erfahrungen als Grundschullehrerin und Lektorin in einem Schulbuchverlag?

Dr. Eva Odersky: Selbstverständlich ist die Arbeit als Grundschullehrerin unverzichtbar, um Fähigkeiten und Schwierigkeiten der Kinder – und zwar der Kinder in all ihrer Unterschiedlichkeit, in ihren motorischen und kognitiven Voraussetzungen, aber auch in ihren verschiedenen Interessen – einschätzen zu können. Die Beobachtung meiner eigenen drei Kinder schärft diesen Blick noch aus einer ganz anderen Perspektive: Als Lehrerin glaubt man ja mitunter, durch entsprechende Förderung Zuhause sei vieles zu verändern. Das stimmt natürlich in gewisser Weise auch, doch die eigenen Kinder lehren einen da schon eine gewisse Demut ...
Als Lektorin in einem Schulbuchverlag wiederum habe ich viele Jahre lang Fibeln und andere Materialien zum Lesen- und Schreibenlernen erarbeitet. Zum einen lernt man dabei, Ideen aus der Unterrichtspraxis zwischen zwei Buchdeckel zu packen, was gar nicht so einfach ist, wenn das Spielerische, Kreative nicht verloren gehen soll. Das betrifft die Inhalte, aber auch die Gestaltung. In der Zusammenarbeit mit Grafikern erfährt man, wie viel, oder eher: wie wenig, Text und Bild auf eine Seite passen, damit sie gut aussieht, und wie „aufgeräumt“ sie sein muss, damit Kinder selbstständig damit arbeiten können. Zum anderen profitiere ich natürlich vom Erfahrungsschatz und der Expertise der vielen Lehrerinnen und Wissenschaftler, die ich in meinen Autorenteams betreuen durfte. 

Leseliebe: Ihr Schreib-Übungsbuch sieht viel mehr nach Spiel als nach Arbeit aus. Täuscht der Eindruck oder lässt sich das Schreiben wirklich so spielerisch üben?

Dr. Eva Odersky: Interessant ist doch, dass wir immer unterstellen, echtes Üben müsse Arbeit sein, beim Schreibenüben sowieso. Man denke nur an frühere Strafarbeiten oder Schreibübungen, beides assoziieren wir mit dem seitenlangen Schreiben des immer gleichen Satzes – und mit Anstrengung. Dabei kann Schreiben so viel Spaß machen und so leicht von der Hand gehen, wenn es didaktisch und methodisch entsprechend aufbereitet ist: Ob Stifte-Wettrennen oder Lineaturen in Wellenform, Tempo-Test oder Rennbahnen, das klingt nicht nur spielerisch, sondern ist durch die vielen Variationen auch schreibdidaktisch sinnvoll, denn (Schreib-)Bewegungen lassen sich besser automatisieren, wenn sie immer wieder anders (anderer Stift, anderer Untergrund, andere Lineatur, anderes Tempo usw.) ausgeführt werden.
Zudem wissen wir in der Psychologie und Pädagogik seit langem, dass Lernen dann besonders erfolgreich verläuft, wenn es Spaß macht, wenn es motiviert, wenn die Kinder sich mit Lust und echtem Interesse mit Dingen beschäftigen und das möglichst freiwillig – genau wie im Spiel eben. Ein Schreib-Übungsbuch kann deswegen meiner Meinung nach nur dann gut sein, wenn es viel mehr nach Spiel als nach Arbeit aussieht. Ich freue mich sehr, wenn es uns gelungen ist, diesen Eindruck bei Ihnen zu erwecken, und noch mehr freue ich mich, wenn auch die Kinder das so sehen – nur dann ist uns das Buch wirklich gelungen.

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Interview Odersky Schreibübungsbuch Innenseite Schwung

Leseliebe: Was möchten Sie Kindern und Eltern zum Thema Schreibenlernen abschließend mit auf den Weg geben?

Dr. Eva Odersky: Toleranz, wenn es um die Exaktheit der Ausführung geht. Schreibenlernen ist Bewegungslernen und jede Bewegung muss man sehr oft ausführen, um sie sicher und automatisiert zu beherrschen – ob ich nun laufen lerne, ein Rad schlagen übe oder ein R schreiben will: Es ist normal, dass die Ausführung zunächst dilettantisch und unbeholfen wirkt und erst durch viel Übung und Wiederholung des Bewegungsablaufs immer „runder“ und flüssiger wird. Lassen Sie diesem Üben den nötigen Spielraum. Genauso wenig wie man zu Beginn genau auf einer Linie laufen oder ein Rad schlagen kann, ist es möglich, beim Schreibenlernen exakt in eine Lineatur zu schreiben oder einen vorgegebenen Buchstaben nachzuspuren – und es ist für das Aneignen einer flüssigen Bewegung eben auch gar nicht sinnvoll, sondern erschwert es sogar. Schreiben ist Bewegung und Bewegung macht Kindern Spaß – engen Sie die Bewegung also nicht ein. :)

Eva Odersky

Eva Odersky schreibt Kinder- und Schulbücher und ist Wissenschaftlerin. Sie lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität München und forscht dort insbesondere zum Thema Schreibenlernen und Handschriftentwicklung.

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Eva Odersky Foto

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