Artikel: 3-6 Jahre
 

Interview: magisches Denken bei Kindern

Monster unter dem Bett und Wolken, die weineneine Kinderpsychologin gibt Tipps für die magische Phase bei Kindern! 

Leseliebe: Frau Möller-Wolf, immer wieder hört oder liest man von der magischen Phase oder dem magischen Denken bei Kindern. Was ist damit genau gemeint? 

Anna Möller-Wolf: In der Entwicklungspsychologie bezeichnet die magische Phase einen Schritt in der Entwicklung unserer Denkstrukturen, welcher etwa im Alter von 3-6 Jahren, teilweise bis ins Grundschulalter, durchlebt wird. Charakteristisch für diese Phase ist, dass die Kinder die Realität zwar wahrnehmen, sie aber durch fiktive Ideen, Gedanken, Konstrukte ergänzen. Sie ziehen in der magischen Phase keine Grenze zwischen Realität und Fantasie. In ihrer Gedankenwelt ist alles möglich und mit einer ganz eigenen „magischen Logik“ durchdacht. Gleichzeitig hat das Kind das Gefühl, dass es mit seinen Handlungen die Welt um sich herum beeinflussen kann. Dass sein Verhalten die Ursache für das sei, was um es herum passiert. In der magischen Phase kennen die Kinder bereits einige reale Abläufe und Zusammenhänge und nehmen diese bewusst wahr. Gleichzeitig haben sie auch noch große Verständnislücken. Diese versuchen sie mit eigenen Erklärungsansätzen zu füllen und schaffen auf diese Weise ihre ganz eigene Realität. 

Leseliebe: Hat magisches Denken aus psychologischer Sicht eine Bedeutung für die Entwicklung? 

Anna Möller-Wolf: Auf jeden Fall. Jean Piaget spricht in diesem Zusammenhang auch vom präoperationalen Denken, in welchem er die Vorstufe zum uns bekannten rationalen Denken sieht. Auch fördert sie die Fantasie und das Selbstbewusstsein. Ein imaginärer Freund kann ein Kind unglaublich stärken und es mit den Fähigkeiten versehen, die es zur Bewältigung schwieriger Aufgaben benötigt. Dafür ist es nötig, dass es dem Kind erlaubt wird, wahre Begebenheiten und irreale Vorstellungen miteinander zu verknüpfen und dass das Kind ernst genommen wird. 

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Leseliebe: Können Sie uns ein paar Beispiele für die magische Logik von Kindern geben? 

Anna Möller-Wolf: Der Teddybär liegt auf dem Sofa, weil er schlafen will. Es regnet, weil die Engel weinen. Im Wald kann ich den Zwergen etwas zu essen in ihre Höhlen legen und ihnen damit eine Freude machen. Gleichzeitig gibt es auch ängstigende Zusammenhänge, die aufgrund der magischen Logik eines Kindes entstehen können. Die Angst vor Monstern unter dem Bett, die Angst, dass aufgrund des kindlichen Verhaltens engen Bezugspersonen etwas zustößt oder die Angst vor übernatürlichen Mächten. 

In all diesen Fällen ist die Herausforderung, Zusammenhänge zu erklären, Ängste zu nehmen, ohne die kindlichen Ausführungen grundsätzlich in Frage zu stellen. 

Leseliebe: Wie sollten Eltern auf die magische Logik ihrer Kinder reagieren? 

Anna Möller-Wolf: Es ist wichtig, dass sich Kinder in dieser Phase ernst genommen fühlen. Wir sollten uns klar machen, dass die Kinder keine bewussten Lügengeschichten erzählen. Man sollte also nicht versuchen, die „magische Logik“ zu erklären oder die Kinder von der Realität zu überzeugen. Stattdessen sollte man den Kindern einfach zuhören, sie ohne Wertung erzählen lassen und die Gelegenheit nutzen, mal wieder in Fantasiewelten einzutauchen. 

Außerdem sollten die Eltern auf die Bedürfnisse und Wünsche der Kinder eingehen, gerade im Zusammenhang mit möglichen Ängsten, und z.B. gemeinsam mit dem Kind unter dem Bett nach Monstern gucken. Auch wenn wir wissen, dass kein Einbrecher im Haus ist, so beruhigt es das Kind doch, wenn es sich von seinen Eltern dadurch gesehen fühlt, dass die Eltern an allen möglichen Orten (in Schränken, unter Betten, unter dem Teppich, …) nach möglichen ungebetenen Gästen suchen und dann Entwarnung geben können. 

Leseliebe: Wenn für Kinder in der magischen Phase ALLES möglich ist, wie echt und wahr sind für sie Kinderbuch-Geschichten? 

Anna Möller-Wolf: Kinder erleben und leben Kinderbuch-Geschichten in der magischen Phase als Realität und Wahrheit. Sie tauchen ein und sind der festen Überzeugung, dass die beschriebenen Ereignisse auch tatsächlich passieren. Sie schlüpfen in die Rolle der Protagonisten, glauben daran, dass auch sie übernatürliche Fähigkeiten haben oder entwickeln können. Abhängig vom Alter reicht es zunächst aus, zwei Zöpfe wie Pippi Langstrumpf zu haben, um sich genauso stark zu fühlen. Später benötigt das Kind das ganze Outfit mit Ringelsocken, Kleid, Zöpfen und Sommersprossen, um sich wie seine Heldin fühlen zu können.  

Geschichten dienen den Kindern zur Überbrückung der oben beschriebenen, altersbedingten Wissenslücken. Sie nutzen Inhalte aus Büchern, um diese zu füllen und für sie logische Erklärungsansätze zu finden. Vor diesem Hintergrund haben die Geschichten für Kinder einen hohen Wahrheitsgehalt und dienen der Orientierung. 

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Leseliebe: Ergeben sich daraus Konsequenzen für die Auswahl der Kinderbücher? Worauf sollten Eltern in der magischen Phase achten? 

Anna Möller-Wolf: Wie so oft gilt es das gesunde Mittelmaß zu finden. Märchen und Fantasiegeschichten bieten den Kindern Erklärungen an und stärken sie auf diese Weise. Regelmäßiges Vorlesen derselben Geschichte sorgt für die nötige Vertrautheit und Sicherheit. Diese stellt sich nur ein, wenn eine Geschichte wiederholt gehört wird und dient im Anschluss als Grundlage dafür, sich ganz auf die Geschichte einzulassen. Kinder lieben Geschichten, die ihrer Fantasie Spielraum lassen und sie anregen. In Märchen ist es normal, wenn Fantasiegestalten auftreten oder Gegenständen und Pflanzen menschliche Verhaltensweisen zugesprochen werden (der Baum, der sprechen kann, der Tisch, der sich alleine deckt). Die entstehenden inneren Bilder können Kinder mit ihrer eigenen Fantasie besetzen und erweitern. Hilfreich sind Geschichten mit einem Happy End, das macht Mut und die Kinder in besonderem Maße stärkt. Im Spiel können Erlebnisse verarbeitet und Geschichten nachgestellt werden, aus psychologischer Sicht entstehen daraus „heilende Kräfte“ (vgl. Hans Zulliger). 

Leseliebe: Manche Eltern befürchten bei einer allzu blühenden Fantasie so etwas wie einen Realitätsverlust oder haben Angst, dass ihre Kinder wegen ihrer fantasievollen Geschichten als Lügner wahrgenommen werden. Was raten Sie in diesem Fall? 

Anna Möller-Wolf: Alles hat seine Zeit und fast immer wachsen die Kinder mit zunehmendem Alter auch aus dieser Phase heraus. Da das magische Denken etwas ist, was alle Kinder durchleben, werden sie von den Gleichaltrigen in der Regel nicht als „Lügner“ wahrgenommen, sondern lernen genau in diesem Kontext die Unterscheidung von Fantasie und Realität. Gerade im Kontakt mit anderen Kindern können die Fantasiewesen gemeinsam bespielt und Kuscheltiere, Puppen zum Leben erweckt werden. Im Spiel mit Gleichaltrigen sehen sich die Kinder nicht der Kritik und Realitätsvermittlung der Erwachsenen ausgesetzt und können so deutlich intensiver in Fantasiewelten eintauchen und von ihnen profitieren.  

Vor diesem Hintergrund rate ich den Eltern in der Regel zu Gelassenheit und dazu erst einmal abzuwarten. Wichtig ist es auf Elternebene zu unterscheiden, wo das Kind seine Fantasie auslebt und wo es sich um Geschichten handelt, mit denen sich das Kind selbst schadet. In der magischen Phase nutzen Kinder ihre Fantasiewesen teilweise auch dafür, um an sie gestellte Anforderungen zu umgehen oder mit Überforderung einen Umgang zu finden.  

Ein Beispiel: Ein vierjähriges Mädchen steht in seinem Zimmer umgeben von Spielzeug und allerlei Kram. Von der Mutter zum Aufräumen aufgefordert, berichtet es, dass gar nicht es selbst, sondern die Puppe alles ausgeräumt habe und nun nicht bereit sei, aufzuräumen. In dieser Situation kann das Kind mit der Kritik seiner Mutter nicht umgehen und fühlt sich als Person angegriffen. Es nutzt die Puppe zur Verkörperung der für dieses Alter typischen Aufteilung in „Gut“ und „Böse“ (polare Sichtweise). Die Puppe verkörpert das „Böse“, stiftet Unordnung und räumt nicht auf, und das Mädchen kann sich auf diese Weise distanzieren und bleibt das „Gute“. Spontan reagieren wir Eltern in diesen und ähnlichen Situationen häufig ungehalten und verärgert und erklären unserem Kind, dass die Puppe nichts ausräumen könne, unser Kind nicht solch einen Quatsch erzählen und jetzt endlich aufräumen solle. Um das Kind in seiner Sicht wahrzunehmen, könnten wir stattdessen fragen, warum denn die Puppe nicht aufräumen will. Im Anschluss könnten wir dem Kind sagen, dass es mit der Puppe schimpfen darf und ihr erklären solle, dass nach dem Spielen aufgeräumt werde müsse. Wenn sich die Puppe nicht daran halte, könne sie nicht mehr mitspielen. Mit diesem Vorgehen ermöglichen wir dem Kind, seine polare Sichtweise beizubehalten, stellen es nicht mehr als Person in Frage und nehmen es ernst. Der Machtkampf über die Notwendigkeit des Aufräumens könnte spielerisch entkräftet und eine für diese Alterspanne gültige Konfliktlösung gefunden werden. 

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Leseliebe: Warum haben manche Kinder einen unsichtbaren Freund und wie sollten Eltern darauf reagieren? 

Anna Möller-Wolf: Der magische Freund ist jemand, mit dem fast alles möglich ist. Gerade im Bereich der Kommunikation sind den Kindern beim magischen Freund keinerlei Grenzen gesetzt. Die magischen Gefährten gehen mit dem Kind durch dick und dünn, sie helfen bei der Überbrückung noch lückenhafter intellektueller Lernprozesse. Dabei sind sie für das Kind völlig ungefährlich. Das Kind sucht sich seinen magischen Freund selber aus, es kann ihn steuern und lenken und entscheidet eigenständig, was es mit ihm tun möchte. Wir Erwachsenen neigen dazu, im Kontakt mit den Kindern immer wieder auf die Einhaltung bestimmter Regeln hinzuweisen oder ein gewünschtes Verhalten einzufordern. Magische Freunde hingegen unterstützen das Kind bei genau dem, worauf es Lust hat, machen das mit, was das Kind gerade will, zeichnen sich also durch bedingungslose Unterstützung aus und bieten damit einen willkommenen Gegenpart. Magische Gefährten können dem Kind als imaginäre Helfer dienen, sich der Wirklichkeit zu stellen, sich mit ihr auseinander zu setzen. Kinder sind ihrer Umwelt nicht passiv ausgeliefert, sie entwickeln im Laufe ihres Lebens ganz unterschiedliche Techniken, um sich mit den Herausforderungen der Wirklichkeit auseinander zu setzen, der magische Freund ist eine davon. 

Leseliebe: Was geht über das ‚normale‘ Verhalten in der magischen Phase hinaus, sodass Eltern aktiv werden sollten? 

Anna Möller-Wolf: Grundsätzlich ist in der magischen Phase fast alles erlaubt und der Fantasie der Kinder sind keine Grenzen gesetzt. Ich sehe hier eher das Alter als Kriterium für Auffälligkeiten, welches zur Orientierung herangezogen werden kann. Erzählt mein Kind in der ersten Klasse fortgesetzt von seinem imaginären Freund, so ist das ein Verhalten, was toleriert werden sollte. Behauptet jedoch ein Junge in der vierten Klasse, er habe ein Laserschwert und Verwandte auf dem Mars, würde mich das hellhörig machen. 

Hier hilft der Austausch mit den Lehrkräften oder nahestehenden Personen, die eigenen Beobachtungen abzugleichen. Bei fortbestehenden Unsicherheiten sollte man sich an eine Erziehungsberatungsstelle oder niedergelassene Kollegen wenden, um sich Klarheit zu verschaffen. 

Auch wenn in der magischen Phase entwickelte Ängste dazu führen, dass sich ein bestimmtes Kontrollverhalten festigt und ein Zwang entwickelt (das Kind MUSS jeden Abend mehrfach unter das Bett schauen und sich vergewissern, dass kein Monster da ist), sollte der Rat einer Fachperson eingeholt werden. 

Leseliebe: Haben Sie als Mutter von drei Kindern oder als Psychotherapeutin besondere Buchempfehlungen für die magische Phase? 

Anna Möller-Wolf: Ich finde Märchen für diese Phase sehr hilf- und auch lehrreich. In unserer schnelllebigen Welt profitieren auch wir Erwachsenen davon, wenn wir mal wieder in magische Welten eintauchen. Bestimmte Bücher kann ich nicht empfehlen, wichtiger erscheint mir, dass es Eltern und Kind Spaß macht, sie gemeinsam zu lesen und das ist bekanntlich abhängig von den ganz individuellen Interessen. 

Was ist mit dir? Hast du Empfehlungen für besonders fantasievolle Kinderbücher für uns? Welche ‚magische‘ Erklärung oder Behauptung deines Kindes findest du außergewöhnlich schön oder kreativ? Gehst du mit deinem Kind manchmal gemeinsam auf eine Fantasiereise? Hat dein Kind einen unsichtbaren Freund? Wie gehst du damit um? Schreib uns einen Kommentar! 

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