Artikel: Wenn Kinder fragen: „Gibt es den Weihnachtsmann?“
 

Interview: Wenn Kinder fragen „Gibt es den Weihnachtsmann?“

Oje, was antwortest du, wenn dein Kind fragt: „Gibt es den Weihnachtsmann wirklich?“ Wir haben für dich unsere Expertin befragt! 

Leseliebe: Ist es für Kinder überhaupt wichtig oder gut, an Fantasiegestalten wie den Weihnachtsmann zu glauben? Wenn ja, warum? 

Anna Möller-Wolf: Fantasiegestalten spielen in der kindlichen Entwicklung eine große Rolle. Sie dienen als Idsych. ntifikationsfiguren, können dabei helfen, schwierige Situationen zu meistern und beleben eine Vielzahl an Spielsituationen. 

Auch Weihnachtsmann und Co. sind in der Adventszeit zentrale Figuren, um die sich Rituale entwickeln und die den Zauber dieser Zeit in jedem Fall ergänzen und ihn vielleicht sogar ausmachen. Schließlich sind sie es, die die Geschenke bringen. Somit dienen sie emotional der Orientierung und auch der Auseinandersetzung mit der Frage, „Warum bekomme ich denn an Weihnachten überhaupt Geschenke?“. Der Weihnachtsmann und auch alle anderen Figuren wie Nikolaus, Knecht Ruprecht und Christkind bereichern das kindliche Wissen und erweitern seinen Horizont. All die Geschichten, Märchen und Sagen, die darin dargestellten Bräuche und Rituale enthalten unglaublich viele Informationen die den Kindern im Rahmen ihrer Entwicklung dabei helfen, ihre eigene „Wahrheit“ zu finden. 

Leseliebe: Wie können Kinderbücher den Glauben an den Weihnachtsmann beeinflussen? 

Anna Möller-Wolf: Abhängig davon, welche Geschichten ich vorlese oder lese und welche Rituale oder Bräuche in der Familie gelebt werden, wird auch der Glauben der Kinder an den Weihnachtsmann beeinflusst. Die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Fantasie und Realität entwickelt sich erst im Alter zwischen 2 und 3 Jahren. Bis zu diesem Zeitpunkt erleben die Kinder Figuren aus Geschichten noch ganz real, da ihr Verständnis von Symbolen noch nicht entwickelt ist. Im Verlauf hängt es dann zunächst davon ab, wie stark das Kind emotional in die Geschichte oder Situation involviert ist und in welchem Kontext es sich befindet, ob ihm eine Unterscheidung zwischen Fantasie und Wirklichkeit gelingt. Entwicklungspsychologisch nennt man diese Phase auch die Zeit des „magischen Denkens“. Sie endet etwa mit dem 6. Geburtstag. Ab diesem Zeitpunkt ist es den meisten Kindern unabhängig von der Situation möglich, Geschichten „richtig“ einzuordnen. 

Besonders in den ersten Lebensjahren wird der Glaube an den Weihnachtsmann also ganz wesentlich auch davon beeinflusst, was den Kindern vorgelesen wird. Sie tauchen in die Geschichten ein und in ihrer Fantasie entstehen dann eigene Bilder von den weihnachtlichen Gestalten. Diese sind ein Abbild dessen, was die Kinder gehört oder erzählt bekommen haben. 

Leseliebe: Aktives Mitlesen ist für Kinder besonders wertvoll. Sie sollen beim Vorlesen also gerne unterbrechen und Fragen stellen. Was aber antwortet man, wenn dem Wahrheitsgehalt der weihnachtlichen Geschichte auf den Zahn gefühlt wird? 

Anna Möller-Wolf: Auf diese Frage gibt es natürlich kein Patentrezept, da die Antwort ja stark davon beeinflusst wird, welche Einstellung ich selber habe. Ich erlebe es als wichtig, bei den Antworten möglichst viel Spielraum für eigene Ideen und die Fantasie des Kindes zu lassen. Vor diesem Hintergrund kann man dann gemeinsam mit dem Kind über mögliche Wohnorte oder den Familienstand des Weihnachtsmannes sprechen. Der Fantasie sind da bekanntlich keine Grenzen gesetzt. 

Vorlesen mit dem Weihnachtsmann

Leseliebe: Wenn das Kind also fragt, ob der Weihnachtsmann wirklich am Nordpol wohnt oder ob das Christkind tatsächlich ‚alles‘ sehen kann, könnte man einfach antworten: „Was denkst du?“ 

Anna Möller-Wolf: Ja, genau so könnte man antworten. Im Anschluss entspinnt sich dann oft ein Gespräch über die verschiedenen „Wohnmöglickeiten“. Darüber, wie das Haus des Weihnachtsmannes aussieht, oder ob die Engel, Wichtel oder wer auch immer, wirklich beim Packen der Geschenke helfen und die Rentiere tatsächlich den Schlitten ziehen. 

Leseliebe: Wenn Kinder fragen, ob es den Weihnachtsmann gibt, was sollen Eltern antworten? 

Anna Möller-Wolf: Hier sollte man zwischen Wissen und Glauben unterscheiden. Man könnte z.B. antworten „Ich weiß nicht, ob es den Weihnachtsmann wirklich gibt, aber ich glaube schon.“ Damit umgeht man es, dass Kind willentlich zu belügen und bewahrt gleichzeitig den Freiraum für die Ideen der Kinder. So können teilweise „zauberhafte“ und „magische“ Geschichten entstehen. 

Leseliebe: Wie reagiert man ‚richtig‘, wenn das Kind im Kindergarten, in der Schule oder anderswo hört, dass es den Weihnachtsmann gar nicht gibt und deswegen traurig ist? 

Anna Möller-Wolf: An erster Stelle sollte man sein Kind trösten und ihm dann erklären, dass es unterschiedliche Wahrnehmungen und Wahrheiten gibt und nicht jeder über das gleiche Wissen verfügt. 

Leseliebe: Gibt es eine Situation, einen Zeitpunkt, zu dem man sein Kind in Sachen Weihnachtsmann ‚aufklären‘ sollte, zum Beispiel damit es von anderen Kindern nicht ausgelacht wird? 

Anna Möller-Wolf: Dieser Zeitpunkt kommt in der Regel im Rahmen der emotionalen Entwicklung ganz von alleine und es bedarf keiner expliziten „Aufklärung“ durch die Eltern. Ältere Geschwister, Freunde und der Austausch mit anderen führen unweigerlich zu einer Auseinandersetzung mit der Thematik und der Entwicklung eines eigenen „Bildes“. 

Leseliebe: In welchem Alter ist es ‚normal‘, dass Kinder aufhören, an den Weihnachtsmann zu glauben? 

Anna Möller-Wolf: Bei den meisten Kindern endet im 7. Lebensjahr die „magische Phase“ und der „Realitätssinn“ steht im Vordergrund. Im Rahmen dieser Entwicklung schwindet auch der Glaube an den Weihnachtsmann. Ich erlebe diesen Entwicklungsschritt tatsächlich als einen Verlust. Der besondere Zauber, die Magie, die durch den kindlichen Glauben an Weihnachtsmann und Christkind bestimmt werden, verlieren sich zunehmend. Um dem entgegen zu wirken, sollte man Rituale und feste Weihnachtsbräuche beibehalten. Auch ältere Kinder genießen den besonderen Zauber der Weihnachtszeit und freuen sich darüber, Wunschzettel zu verschicken und sich nicht von ihrem neu erworbenen Wissen davon abbringen zu lassen. 

Kinder mit Geschenken

Leseliebe: Gibt es eine besonders schöne Weihnachtsmann-Geschichte, die Sie selbst noch aus Ihrer Kindheit erinnern oder die Sie Ihren Kindern gerne vorlesen? 

Anna Möller-Wolf: Da bei uns an Weihnachten das Christkind und nicht der Weihnachtsmann kommt, gibt es tatsächlich keine Weihnachtsmann-Geschichte, die gelesen wird. Wir lesen gerne „Weihnachten im Stall“ und „Tomte Tummetott“. Für mich sind das beides Bücher aus meiner Kindheit, die die Stimmung gut einfangen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Außerdem lassen sie viel Raum, um ein ganz eigenes Bild zu entwickeln, eine eigene Vorstellung, eigene Ideen davon, wie der Weihnachtsmann aussieht oder ob es das Christkind wirklich gibt. Wir alle haben unsere Bilder und Fantasien, die wir an unsere Kinder weitergeben können. Bei uns hat das Christkind immer ein bisschen Engelshaar am Weihnachtsbaum „verloren“ was für mich der ultimative Beweis war, dass es tatsächlich da gewesen sein muss. 

Hat dich dein Kind mit der Frage nach dem Weihnachtsmann schon einmal konfrontiert? Was hast du geantwortet? Welche Rolle spielen Weihnachtsmann, Christkind, Nikolaus, Knecht Ruprecht und andere weihnachtliche Symbolfiguren bei euch? Hast du ein Lieblings-Kinderbuch dazu? Schreib uns einen Kommentar! 

Kinder- und Jugendpsychotherapeutin

Anna Möller-Wolf

Anna Möller-Wolf arbeitet seit Mai 2014 in einer eigenen Praxis als niedergelassene Kinder- und Jugendpsychotherapeutin mit dem Schwerpunkt Verhaltenstherapie. Davor war sie neun Jahre lang in verschiedenen Kinder- und Jugendkrankenhäusern im psychotherapeutischen Bereich tätig. Außerdem ist sie staatlich anerkannte Kinderkrankenschwester, KUGA®-Trainerin zum kontrollierten Umgang mit physischer Gewalt und Aggressionen und lesebegeisterte Dreifach-Mutter. Leseliebe bedeutet für sie, „Erfahrungen in der wunderbaren Welt der Bücher zu sammeln“. 

Kinderpsychotherapeutin Anna Möller-Wolf

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