Artikel: Kinderbuchmacher im Interview: Usch Luhn
 

Usch Luhn über Tiere im Kinderbuch

Kinderbuchmacher im Interview

Kinderbuchautorin Usch Luhn erzählt von Lieblingstieren und Kinderbüchern, die einen nicht mehr loslassen.

Leseliebe: Frau Luhn, wie sind Sie eigentlich zu einer ‚Kinderbuchmacherin‘ geworden?

Usch Luhn: Auch als Erwachsene habe ich immer am liebsten Kinderbücher gelesen. Diese Liebe ist irgendwann so groß geworden, dass ich selbst versucht habe, eine der vielen Geschichten, die in meinem Kopf herumschwirren, zu Papier zu bringen. Ich habe die ersten dreißig Seiten einer Idee an verschiedene Verlage geschickt, ganz naiv. Und einem Verlag hat der Entwurf so gut gefallen, dass er mich ermutigt hat, das ganze Buch zu schreiben. Das war „Svantje, ganz schön cool“ und ist dann auch gedruckt worden. Und so ging es immer weiter. Zuerst habe ich viele Aushilfsjobs gemacht, um meine Leidenschaft Bücher zu schreiben, finanzieren zu können. Inzwischen darf ich nur noch Bücher schreiben.

Leseliebe: Was macht ein gutes Kinderbuch für Sie aus?

Usch Luhn: Ich beame mich ganz in die Geschichte hinein und erlebe sie in meiner Fantasie mit. Und ich kann nicht mehr aufhören zu lesen und bin schon in der Mitte des Buches in Panik, dass es irgendwann zu Ende sein könnte. Gleichzeitig möchte ich aber unbedingt wissen, wie es ausgeht. Ich lasse wichtige Arbeiten liegen, verpasse Abgabetermine und lese bis in die Morgenstunden, vergesse sogar zu essen. Thematisch gibt es für mich keine Einschränkung – in dem Augenblick, in dem mich das Buch fesselt, ist es das richtige Buch für mich.

Usch Luhn am Schreibtisch von Enid Blyton

Leseliebe: In Ihren Kinderbüchern spielen Tiere häufig eine wichtige Rolle. Warum?

Usch Luhn: Ich hatte als Kind keine eigenen Tiere. Ich war damals sehr schüchtern und wäre so gerne mit einem Tier befreundet gewesen und für das Tier dagewesen. Tiere waren für mich immer etwas ganz Besonderes, damals leider unerreichbar.

Leseliebe: Haben Sie selbst ein Lieblingstier? Und schreiben Sie eher über Tiere, mit denen Sie sich privat auskennen oder denken Sie sich auch gerne Geschichten zu Tieren aus, mit denen Sie normalerweise keine Berührungspunkte haben?

Usch Luhn: Ich habe selbst vier Hofkatzen und einen norwegischen Waldkater, der im Haus bleibt. Aber ich würde so gerne mit ganz vielen Tieren leben. Einem Esel oder Ponys, Gänsen und vor allem einem Hund. Aber für solche Tiere bin ich zu viel auf Reisen. In meinen Geschichten beschäftige ich mich gerne mit Tieren, die ich noch nicht gut kenne und liebe es, alles über sie in Erfahrung zu bringen.

Usch Luhns Kater Kasimir

Leseliebe: In Ihrer Buchreihe „Ponyherz“ kann man nachlesen, dass Sie selbst mal einer Wildpferd-Herde begegnet sind. Wie kam es dazu und was war für Sie das Besondere an diesem Erlebnis?

Usch Luhn: Als Jugendliche war ich zum ersten Mal auf einem Reiterhof, habe mich dort einfach auf ein Pferd gesetzt und bin davongeritten. Das konnten die Erwachsenen gar nicht fassen, und für mich war es tatsächlich eine magische Erfahrung. Zum ersten Mal hatte ich überhaupt keine Angst. Bis heute weiß ich nicht, was da eigentlich mit mir passiert ist. Aber die Erinnerung daran fühlt sich immer noch sehr gut an. Später bin ich bei einem Spaziergang mit einer Freundin in eine Wildpferd-Herde geraten und es war wieder dieses unerklärliche vertraute Gefühl. Sehr schön!

Leseliebe: In „Ponyherz“ verbindet Anni eine geheime Freundschaft zu einem Wildpferd. Was ist für Sie der Unterschied zu einer ‚normalen‘ Pferde-Mädchen-Freundschaft auf dem Reiterhof?

Usch Luhn: Anni ist kein normales Pferde-Mädchen. Sie hat – wie ich als Kind – gar keine Erfahrung mit Pferden, denn sie besitzt nur Meerschweinchen. In ihrer neuen Umgebung ist sie deshalb Außenseiterin und sehr einsam. Dieses fremde Gefühl kenne ich selbst sehr gut und es schmerzt. Als Anni im Wald Ponyherz trifft, fühlt sie sich zum ersten Mal geborgen und spürt, da ist jemand, der mich so nimmt, wie ich bin. Sie hat plötzlich keine Angst mehr und das tut gut. Ponyherz gibt ihr das Vertrauen zurück, das sie verloren hatte. Die Freundschaft mit Ponyherz macht sie mutig und selbstbewusst und sie ist nicht mehr traurig. So gestärkt, schafft sie es, mit Lorenz eine enge Freundschaft zu knüpfen.

Leseliebe: Wie profitieren Kinder Ihrer Meinung nach von der Freundschaft mit einem Tier?

Usch Luhn: Wie Anni können Kinder ihrem Freundschaftstier alles anvertrauen und ihre Sorgen mit ihm teilen. In der Liebe zu einem Tier merken sie aber auch, dass man behutsam mit anderen Lebewesen umgehen muss. Auch bei Anni steht Ponyherz‘ Wohlbefinden an oberster Stelle und so schraubt sie ihren Wunsch  – Ponyherz ganz zu besitzen – zurück.

Usch Luhn bei einer Corona-Lesung

Leseliebe: Sie haben einen magischen Wunsch frei und dürfen drei Bücher bestimmen, die jedes Kind auf der Welt in seiner Kindheit liest. Abgesehen von Ihren eigenen, für welche Bücher entscheiden Sie sich?

Usch Luhn: Das ist eine sehr schwierige Frage. Erst einmal sind drei Bücher viel zu wenig. Kinder sollten in ihren ersten zehn Lebensjahren auf jeden Fall 100 Bücher lesen. Und zwar sehr verschiedene. Die Bücher, die mich eingefangen haben, sind nicht unbedingt gleich gut für andere Kinder geeignet. Ein Buch, das viel über Freundschaft erzählt, ist „Das fliegende Klassenzimmer“ von Erich Kästner. Auch wenn darin leider kaum Mädchen vorkommen. Aber ich muss beim Lesen immer noch weinen, weil ich es zwischendrin so traurig finde. „Ronja Räubertochter“ von Astrid Lindgren ist ein Buch, das einem vor Spannung den Atem raubt. Allein durch das Lesen wird man selbst ein bisschen mutiger. Eine echte gute Laune Reihe ist immer noch „King Kong, das Meerschweinchen“ von Kirsten Boie. Ich habe mir gerade die gesamte Reihe antiquarisch gekauft. Die Geschichten sind einfach herrlich.

Leseliebe: Welches Kinderbuch oder welche Lese-Situation hat in Ihrer eigenen Kindheit einen Eindruck hinterlassen, der bis heute nachwirkt und warum?

Usch Luhn: Als Mädchen vom Dorf haben mich besonders „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ von Mark Twain beeindruckt und „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe. Zwei echte Abenteuerbücher, die so weit von den österreichischen Bergen, in denen ich aufgewachsen sind, spielen, dass ich nicht genug von dieser fernen Welt kriegen konnte. In meinen Träumen bin ich mit Tom Sawyer den Mississippi hinunter geschippert und habe mit Robinson eine Hütte aus Kokosnüssen gebaut. Diese damals geweckte Abenteuerlust lebe ich noch heute in meinen eigenen Büchern aus.

Leseliebe: Ergänzen Sie doch netterweise den folgenden Satz für uns: Leseliebe ist …

Usch Luhn: … eine Reise ins unendliche Abenteuer ohne Langeweile durch die grenzenlose Dimension der Fantasie.

Autorin

Usch Luhn

Ihre Kindheit verbrachte Usch Luhn in einem kleinen österreichischen Dorf. Später zog sie nach Deutschland, machte dort ihr Abitur und studierte Germanistik und Publizistik. Bevor sie dann Kinderbuchautorin wurde, arbeitete sie beim Radio und Kinderfernsehen. Mittlerweile gibt es über 50 Kinder- und Jugendbücher von ihr. Dazu schreibt sie Drehbücher und unterrichtet Dramaturgie an einer Filmschule. Statt in den Bergen Österreichs lebt sie heute abwechselnd am Wattenmeer und in Berlin.

Kinderbuchautorin Usch Luhn

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