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Dialogisches Vorlesen: ein Erlebnis für dich und dein Kind

Was ist dialogisches Vorlesen? Was haben du und dein Kind davon? Und wie funktioniert es? Wir verraten es dir!

Welches Kind liebt es nicht, sich eine tolle Kindergeschichte vorlesen zu lassen?! Doch Vorlesen ist nicht gleich Vorlesen. Beim klassischen Vorlesen gibt es eine vorlesende Person und einen oder mehrere Zuhörende. Dann wird Wort für Wort ein Buch vorgelesen, vielleicht sogar mit verstellter Stimme für die verschiedenen Figuren und anderen tollen Vorlese-Effekten. Beim dialogischen Vorlesen läuft das ein wenig anders. Hierbei ist das Kind gefragt und das Kinderbuch wechselt seine Funktion vom Vorlesebuch zum Gesprächsanlass. Gleichzeitig verwandelt sich der oder die Vorlesende in jemanden, der Impulse gibt, Fragen stellt und aufmerksam zuhört. Auf diese Weise wird das Vorlesen zu einem Gespräch und das, was das Kind zu sagen hat, rückt in den Mittelpunkt. Diese Methode verbindet die schönen Elemente des Vorlesens mit einer effektiven Förderung deines Kindes, die zahlreiche Studien belegen. Wir erklären dir, warum und wie das dialogische Vorlesen funktioniert.

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Warum solltest auch du dialogisches Vorlesen ausprobieren?

Das dialogische Vorlesen bringt Spaß und fördert dein Kind. Das sind auch schon die zwei wichtigsten Gründe, warum du es mal testen solltest. Ohne jeden Druck lernen Kinder dadurch neue Worte und grammatische Strukturen. Für Eltern ist es zudem eine tolle Erfahrung, die Aufmerksamkeit beim Lesen ganz auf das Kind zu richten und in dessen Gedankengänge einzutauchen. Welche Fragen hat es zu der Geschichte? Wie beantwortet es deine? Was fällt ihm dazu aus seinen persönlichen Erfahrungen ein? Auf welche Ideen kommt es? Diese intensive Auseinandersetzung mit Kindergeschichten regt die Fantasie deines Kindes an und erweitert seinen Horizont. Indem du deinem Kind interessiert zuhörst und auf seine Redebeiträge eingehst, fühlt es sich zudem wichtig. Das stärkt das Selbstbewusstsein. Gleichzeitig versetzt sich dein Kind in die Buchfiguren, was einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung von Empathie und sozialer Kompetenz leistet. Dazu trägt auch euer Austausch von Meinungen und das Beachten allgemeiner Gesprächsregeln bei. Du siehst: Es lohnt sich wirklich, das dialogische Vorlesen selbst auszuprobieren.

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Dialogisches Vorlesen vorbereiten

Das dialogische Vorlesen erfordert im Gegensatz zum klassischen Vorlesen ein wenig Vorbereitung. Die beginnt mit der Auswahl eines passenden Vorlesebuchs. Wichtig ist, dass das Kinderbuch zum Entwicklungsstand und zu den Interessen deines Kindes passt. Umso jünger dein Kind ist, umso größer sollte der Bildanteil sein. Toll für das dialogische Vorlesen sind auch Bilderbücher oder Fotobände ganz ohne Text. Wenn du unsicher bist, schau gerne in unsere Buchtipps: Was lesen in welchem Alter?

Je nach der Aufmerksamkeitsspanne deines Kindes rechne für die Vorlesezeit etwas zehn bis dreißig Minuten ein. Falls dein Kind noch länger dabei bleiben möchte, auch mehr. Bevor es dann losgeht, schaue dir das Buch gründlich an und überlege dir, an welchen Stellen sich ein Gesprächseinstieg besonders gut eignet. Ideal dafür sind zum Beispiel Wendepunkte in der Handlung und Bilder. Denk dir bei der Vorbereitung auch schon Fragen aus, die du deinem Kind stellen könntest.

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Was für Fragen sind beim dialogischen Vorlesen sinnvoll?

Die Fragen, die du beim dialogischen Vorlesen stellst, sollen zum Erzählen anregen oder kurz das Verständnis überprüfen. In keinem Fall sollten sie langweilig sein oder prüfungsmäßig Wissen abfragen. Für kleinere Kinder bieten sich einfache W-Fragen zum Wer, Was und Wo an, insbesondere bei der Betrachtung von Bildern. Ältere Kinder kannst du mit offenen Warum- oder Wieso-Fragen zum Nachdenken und Erzählen bringen. Schön sind auch Spaßfragen, die etwas Falsches behaupten. Sie bringen Kinder oft zum Lachen und animieren sie, dich aktiv zu korrigieren. Nachfragen zu den Redebeiträgen deines Kindes sind eine weitere Art von Fragen, die für das dialogische Vorlesen ideal sind. Durch sie kommt ihr toll ins Gespräch und dein Kind fühlt sich wahrgenommen. Ausgehend von den Ereignissen in der Kindergeschichte kannst du auch Erinnerungsfragen stellen, die frühere Geschehnisse im Bilderbuch in Erinnerung rufen oder an persönliche Erlebnisse erinnern und so eine Verbindung zur Lebenswirklichkeit deines Kindes herstellen: „Weißt du noch, wie du … ?“

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Wie läuft das dialogische Vorlesen ab?

Mach es dir zum Vorlesen mit deinem Kind gemütlich und sorge dafür, dass ihr nicht gestört werdet. Dann geht es los. Halte das Bilderbuch so, dass dein Kind die Bilder optimal sehen kann und du dabei seine Reaktionen gut im Blick behältst. Für die Gesprächssituation ideal ist es, wenn du deinem Kind gegenüber sitzt und kopfüber in das Buch schaust. Wenn du Textteile wortgetreu vorlesen möchtest, kannst du das Buch auch immer dann zum Kind drehen, wenn es ein Bild zum Betrachten gibt und die Stelle für einen Gesprächseinstieg günstig ist. Nun stellst du Fragen, zum Beispiel: „Was sehen wir da?“ Negative Rückmeldungen oder harte Korrekturen der Antworten deines Kindes sind tabu. Stattdessen bieten sich positive Verstärkungen, Wiederholungen und Umformulierungen an, mit denen du dein Kind bestätigst und gleichzeitig grammatisch falsche Sätze indirekt korrigierst oder den Wortschatz deines Kindes erweiterst.

„Die hat sich vollfressen“

„Richtig, die Raupe hat sich mit lauter leckeren Sachen voll gefressen.“

Mit Erzählpausen und Aufforderungen kannst du dein Kind auch Sätze ergänzen oder die Geschichte mit eigenen Ideen weitererzählen lassen.

„Am Montag fraß sich die Raupe durch einen …“

oder

„Erzähl doch mal, wo du dich durchfressen würdest, wenn du eine Raupe wärst!“

Wenn es passt, lasse dein Kind Vermutungen dazu anstellen, wie sich die Buchhelden fühlen oder was sie denken. Oder lasse dein Kind Gegenstände benennen und beschreiben oder abstrakte Begriffe erklären. Schaut euch das Bilderbuch so lange gemeinsam an und redet darüber, wie dein Kind Lust dazu hat. Vielleicht mögt ihr ja auch das Ende aussparen und euch dafür ein ganz eigenes ausdenken?

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Dialogisches Vorlesen mit mehreren Kindern

Dialogisches Vorlesen funktioniert auch wunderbar mit mehreren Kindern. Allerdings sollten es nicht mehr als vier sein. Wichtig ist auch, dass alle Kinder sich für das ausgewählte Kinderbuch interessieren. Bevor es losgeht, könnt ihr dann noch Gesprächsregeln festlegen.

  • Jeder darf ausreden.
  • Jedes Kind darf zu dem Buch sagen oder fragen, was es will.
  • Es wird nichts Schlechtes zu den Kommentaren anderer Kinder gesagt.

Mache es dann beim Vorlesen von der individuellen Situation oder der jeweiligen Bilderbuchstelle abhängig, ob du mit deinen Fragen oder Aufforderungen die ganze Gruppe oder ein einzelnes Kind ansprichst.

Hast du schon einmal gezielt dialogisches Vorlesen ausprobiert? Oder liest du einfach von Natur aus auf diese gesprächsoffene Art vor? Welche Kinderbücher kannst du dafür empfehlen? Gibt es ein besonders schönes Vorlese-Erlebnis, von dem du uns erzählen magst? Schreib uns einen Kommentar!

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